FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2005

 

 Vernachlässigte Kinder:
Berliner Experten vor Sonderausschuß

 

In einer nicht öffentlichen Sitzung befaßte sich der Sonderausschuß "Vernachlässigte Kinder" am Freitag mit dem Fall "Fenja" (7, Name geändert). Das Mädchen war - wie berichtet - wegen auffälligen sexuellen Verhaltens in der Schule und anderer Anzeichen von Verwahrlosung im vergangenen Jahr in eine Pflegefamilie vermittelt worden. Kürzlich mußte sie auf Grund eines umstrittenen Gutachtens wieder zurück zu ihren Eltern (wir berichteten). Über den aktuellen Stand des Falls erfuhren die Bürgerschaftsabgeordneten nicht viel Neues. Fenja ist immer noch in ihrem Elternhaus, wird aber von verschiedenen sozialen Diensten weiterhin "eng begleitet". Über den physischen und psychischen Zustand des Mädchens wurde nichts bekannt, da sich die zuständigen Ärzte auf ihre Schweigepflicht berufen. Wie Vertreter der zuständigen Sozialbehörde gegenüber den Parlamentariern deutlich machten, werde der Ausschuß in den kommenden Wochen weiterhin laufend über Fenjas Schicksal informiert. GAL-Fraktionschefin Christa Goetsch kritisierte, daß die rechtlichen Hürden, in einem Fall wie diesem einzugreifen, zu hoch seien. "Das müssen wir überprüfen", so Goetsch. Robert Heinemann (CDU) sagte: "Ich bin überzeugt, daß der Fall bei der Sozialbehörde in guten Händen ist."

Im öffentlichen Teil der Sitzung stellten sich Experten aus den Bereichen Polizei und Justiz den Fragen der Abgeordneten.

Ein Polizeikommissariat, das sich ausschließlich mit Delikten an Schutzbefohlenen befaßt, gibt es nur in Berlin. Der verantwortliche Berliner Kriminaloberrat Michael Havemann sagte vor dem Ausschuß: "Wir hatten in Berlin im vergangenen Jahr 398 Fälle von Kindesmißhandlung. In Hamburg waren es 25. Das liegt nicht daran, daß Berlin die Stadt der Kindesmißhandler ist, sondern daran, daß wir das Dunkelfeld erhellt haben." Auf einen aufgeklärten Fall von Kindesvernachlässigung oder -mißhandlung kämen mindestens 20, von denen die Polizei nichts erfahre.

"Ein Problem ist, daß die Hemmschwelle bei uns anzurufen sehr hoch ist", sagte Kommissariatsleiterin Gina Graichen. In der täglichen Arbeit gestalte sich die Kooperation mit den Jugendämtern oft schwierig. In gemeinsamen Sitzungen mit Jugendamtsmitarbeitern werde oft nur oberflächlich über Fälle gesprochen. "Es gab schon Fälle, in denen wir verwahrloste Kinder aus Wohnungen holten und das Jugendamt von den Verhältnissen wußte, es aber wichtiger fand, daß die Kinder in den Familien bleiben", sagte sie.

Hamburger Abendblatt - 10-9-05

 

 

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