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von Insa Gall
Woche für Woche, Monat für Monat, jahrelang war die kleine Jessica in der abgedunkelten Wohnung der Jenfelder Hochhaussiedlung eingesperrt wie in einem Verlies. Meist ohne Nahrung, ohne ausreichend zu trinken, ohne Zuwendung. Doch das Martyrium des Mädchens, das Anfang März im Alter von sieben Jahren einen furchtbaren Hungertod starb, begann nach den Erkenntnissen der Ermittler weit früher als bisher angenommen. Fast fünf Jahre lang sollen seine Eltern das Kind gröblichst vernachlässigt haben. Demnach war Jessica zwei, als ihre Qualen begannen.
Gestern erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihre Eltern wegen Mordes durch Unterlassen sowie wegen der Mißhandlung von Schutzbefohlenen. Sie geht davon aus, daß die 35jährige Marlies Sch. und ihr 49jähriger Lebengefährte Burkhard M. das Mädchen grausam und zur Verdeckung der jahrelangen Vernachlässigung vorsätzlich verhungern ließen. Damit weiten die Strafverfolgungsbehörden ihren Tatvorwurf aus. Zunächst war gegen die Eltern wegen gemeinschaftlicher Tötung durch Unterlassen ermittelt worden.
Doch die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, daß das arbeitslose Paar sein Kind seit Mitte des Jahres 2000 so schwer vernachlässigte, daß es sich weder körperlich noch geistig auch nur ansatzweise altersgerecht entwickeln konnte. Die Eltern hielten Jessica in der 71 Quadratmeter großen Wohnung wie eine Gefangene. Die Fenster waren verschraubt, das Kinderzimmer mit lichtundurchlässiger Fensterfolie abgedunkelt. Lampen und Lichtschalter waren entfernt, der Boden mit Katzenkot und Exkrementen verdreckt. Irgendwann hätten die Eltern in gegenseitigem Einverständnis den Entschluß gefaßt, ihre Tochter sterben zu lassen, so die Ankläger. Am Ende war das Kind so verzweifelt, daß es seine eigenen Haare aß. Als sie starb, wog die Siebenjährige gerade noch 9,6 Kilogramm.
Mit der Anklage beider Eltern widerspricht die Staatsanwaltschaft den Einlassungen, die Marlies Sch. und Burkhard M. unmittelbar nach Jessicas Tod bei der Polizei gemacht hatten. Während sich Marlies M. gar keiner Schuld bewußt war und trotzig behauptete, ihrer Tochter Essen angeboten zu haben, was diese aber abgelehnt habe, gab der Vater seiner Lebensgefährtin die Schuld. Die habe sich um Jessica kümmern sollen. Beide Eltern sitzen in Untersuchungshaft. Marlies Sch. wird von Manfred Getzmann vertreten, der als Anwalt der linken Szene bekannt ist. Nach dem Hungertod hatte der Senat Fehler einräumen müssen, weil Jessica der Schule über Monate ferngeblieben war, ohne daß die Behörden einschritten. Mittlerweile suchen ein Sonderausschuß der Bürgerschaft sowie eine behördenübergreifende Arbeitsgruppe nach Wegen, wie die Vernachlässigung von Kindern künftig besser verhindert werden kann.
Läßt die zuständige 22. Große Strafkammer des Landgerichts die Anklage zu, wird der Prozeß voraussichtlich Ende August oder Anfang September eröffnet, bestätigte die Gerichtspressestelle. Psychologische Gutachten über den Geisteszustand der Eltern sind bisher nicht erstellt worden. Im Fall seiner Verurteilung droht dem Paar eine Haftstrafe von drei bis 15 Jahren.
Die Welt, 29. Juni 2005
s.a. Mutter soll schon früher Kinder gequält haben
BEFRAGUNG IM »JESSICA-AUSSCHUSS«
Immer mehr Fälle von Kindesmisshandlung SIMONE PAULS
In Hamburg hat die Zahl der vernachlässigten Kinder zugenommen.
Das ist das Ergebnis der zweiten Sitzung des Sonderausschusses der Bürgerschaft, der nach dem Tod der kleinen Jessica (+7) eingerichtet worden ist. Mitarbeiter des Kinder- und Jugendnotdienstes berichteten gestern, dass im vergangenen Jahr 364 Fälle von Vernachlässigung gemeldet wurden. 2003 waren es noch 251. Die Zahl der Kindesmisshandlungen stieg von 287 auf 301 Fälle.
Auch Rechtsmediziner und Vertreter der Behörden nahmen an der Sitzung teil. Übereinstimmend forderten die Experten eine bessere Vernetzung der bestehenden Hilfseinrichtungen. Die nächste Sitzung des Sonderausschusses "Vernachlässigte Kinder" ist für den 19. August geplant. Dann sollen Kinderärzte von ihren Erfahrungen berichten.
Hamburger Morgenpost | 01.07.2005
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