FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2005

 

Berlin - Kindheit auf dem Müll

398 Mißhandlungen im Jahr 2004 - Berlin ist bundesweit Spitzenreiter - Kripo: Nur die Spitze des Eisbergs

 

Von Axel Lier

Mißhandlung, Vernachlässigung von Kindern, Verwahrlosung der Schutzbefohlenen, Berlin ist bei diesen Delikten Spitzenreiter. Die Stadt hat aber auch bundesweit das einzige Kommissariat, das sich ausschließlich um solche Delikte kümmert.

398 Mißhandlungen und 255 Vernachlässigungen von Kindern hat die Polizei 2004 in Berlin registriert. Im Jahr davor waren es 361 Mißhandlungsfälle. Laut einer Statistik der Polizei lebt jedes achte Kind, das in Deutschland mißhandelt wird, in Berlin. Damit ist die Hauptstadt bundesweit Spitzenreiter bei solchen Delikten. Und die Behörden sind sich sicher, daß das nur die Spitze des Eisberges ist. "Die Tendenz geht steil nach oben", sagt Kriminaloberrat Michael Havemann, Leiter des Dezernates Branddelikte, Vermißtenstelle und Delikte an Schutzbefohlenen. Ihm unterstellt sind beim Kommissariat "Delikte an Schutzbefohlenen" 16 Kriminalbeamte und drei Angestellte. Havemann führt bundesweit die einzige Dienststelle, die sich ausschließlich mit diesen Delikten befaßt.

Was Havemann und seine Kollegen zuweilen erleben, ist kaum zu fassen - ein Beispiel: Eine Charlottenburger Hinterhofwohnung, überall stinkende Mülltüten, überall verschmutzte Wäsche, überall verwesende Abfälle. Ein Chaos aus üblen Gerüchen, Unrat und Mief. Die Luft steht, das Fenster läßt sich nicht öffnen - zuviel Müll. Auch das Tageslicht bleibt ausgesperrt, die Jalousie ist verklebt. Die Kissen sind speckig und mit Kot beschmiert. In Decken wabern feuchte Flecken. Das Zimmer einer ist eine einzige Sauerei. Es ist das Schlafzimmer von Familie N. Die 25jährige schwangere Mieterin geht hier mit ihrem 31jährigen Mann zu Bett. Neben ihnen schlafen die 3jährige Tochter und der 5jährige Sohn. Kinder und Eltern riechen wie ihre Wohnung. Flur, Bad, Wohnzimmer und Küche sind im gleichen Zustand wie das Schlafzimmer. Tagsüber spielen die beiden Kinder im Abfall. Sie sind halbnackt, verschmutzt, vernachlässigt. Familie N. ist ein Fall für die Berliner Polizei. Kriminalhauptkommissarin Gina Graichen (49) arbeitet im Landeskriminalamt, Kommissariat 125. Seit 21 Jahren kümmert sie sich um verwahrloste und mißhandelte Kinder.

Wie in vielen Fällen wurde die Ermittlerin nur durch Zufall auf die Lebensbedingungen der Kinder von N.'s aufmerksam. "Nachbarn hatten sich über Notruf über Geschrei und Weinen beschwert", berichtet Graichen. Schutzpolizisten orteten das Wimmern. Vor der Tür von Familie N. stapelten sich Müllsäcke, die sich bewegten. Maden und Würmer krochen darin umher. Die Beamten klingelten. Die Tür ging auf, doch die Eltern wiegelten ab. "Die Mutter sagte: Mein Kind bekommt Zähne!", berichtet die Kriminalhauptkommissarin. Die Polizisten verschafften sich Zugang zur Wohnung. Jeder Schritt wurde von einem schmatzenden Geräusch unter ihren Sohlen begleitet. Die Kinder klammerten sich an ihre Oma, die ebenfalls in der Wohnung lebte. Eine Katze wohnte mit Dutzenden Hamstern in der Küche. Die Beamten machten Meldung, der Vorgang landete auf dem Tisch von Gina Graichen. Sie ermittelte. Der Fall ging zum Staatsanwalt. Die Kriminalhauptkommissarin: "Für einen Schuldspruch wird der Vorsatz gefordert. Der ist aber mitunter schwer zu belegen. Die meisten Eltern sind sich gar nicht bewußt, in welcher desolaten Lage sie leben."

Menschen, die ihre Kinder vernachlässigen, kommen meist aus der unteren Bevölkerungsschicht. Alkohol und die eigene Erziehung sind wesentliche Faktoren. Sie haben ein anderes Hygieneverständnis, gelten oft als "sozial verkrüppelt". Genau wie Familie N. aus Charlottenburg. Die beiden Kinder wurden von einem Arzt untersucht und kamen in ein Heim. Eine Richterin erteilte der Mutter die Auflage, zu einem festen Termin die Wohnung aufzuräumen. Ansonsten käme auch ihr Baby in Obhut des Jugendamtes. Den beiden Kindern konnte geholfen werden. Zwar spät, aber nicht zu spät.

In der Hauptstadt hat sich die Zahl der Anzeigen in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Vielleicht sind die Berliner sensibler geworden. Mit schockierenden Plakaten wollen die Kripoleute Graichen und Havemann die Bevölkerung weiterhin aufrütteln. Ihre Kontakt-Telefonnummer (030/ 46 64 91 25 55) steht gleich unter den Postern. Vor allem Nachbarn sollen mobilisiert werden. Damit sie bereits anrufen, wenn sich Dutzende Müllsäcke vor einer Wohnungstür stapeln, aus der es riecht und in der zwei Kleinkinder wohnen. Und nicht erst, wenn die Kinder Schäden davongetragen haben.

Berliner Morgenpost, 17.5.2005

 

Kommentar: Der alarmierende Artikel von Axel Lier ist ein weiteres Dokument über das unermeßliche Leid vernachlässigter und verwahrloster Kinder in unserem Land.
Er läßt aber einige wichtige Fragen offen:
Warum wird nichts über die Aktivitäten des zuständigen Jugendamts berichtet?
Hat es sein Wächteramt versäumt?
Wurde es überhaupt benachrichtigt?
Die schnelle Heimunterbringung war sicher sehr notwendig, aber ist sie wirklich eine Hilfe?
Hat man versucht, die Eltern zu beraten?
Falls das aussichtslos erscheint, wurde eine Vermittlung der Kinder in eine Adoptiv-, oder Pflegefamilie angebahnt?
Vor Beantwortung dieser Fragen kann schon jetzt konstatiert werden:
Man hätte in diesem Fall drastischer Vernachlässigung wie in vielen vorangegangenen viel früher intervenieren können, wenn die von der CDU geforderte
obligatorische kinderärztliche Untersuchung nicht nur diskutiert, sondern eingeführt worden wäre.

Kurt Eberhard  (Mai, 2005)

 

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