FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

"Schlag mit Pfanne nicht böse gemeint''


 

Vorbemerkung: Wir berichteten am 15.3. über Versäumnisse beim Jugendamt Sindelfingen (s. Mann soll seine Töchter misshandelt haben). Es ist schon empörend, daß Jugendamtsleiter Bruno Pfeifle öffentlich beteuert, dass die Mädchen aus der Sicht des Jugendamtes ausreichend Hilfe erhalten hätten, noch befremdlicher ist, daß er immer noch nicht suspendiert ist.
Christoph Malter (März 01)


Prozess: Prügelnder Vater verurteilt - Richter spricht von Versäumnissen beim Jugendamt

Weil er seine beiden Töchter mehrfach geschlagen hat, ist ein 45-jähriger Mann gestern zu einem Jahr und sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Das eingeschaltete Jugendamt hatte die Familienverhältnisse offenbar unterschätzt.

Von Christoph Schlegel

Ob er es jemals erlebt hat, dass ein prügelnder Vater mit einem massiven Alkoholproblem es aus eigener Kraft schafft, wieder die Kurve zu kriegen, will die Nebenklägerin wissen. Sie ist erzürnt. Schließlich vertritt sie zwei Mädchen, die unter ihrem aggressiven und gewalttätigen Vater gelitten haben. Der 37-jährige Sozialarbeiter zögert mit der Antwort, um schließlich zu bekennen: "Nein, das habe ich noch nicht erlebt.'' Und damit sieht sich die Nebenklägerin bestätigt. Das Jugendamt hat offenbar die Situation der beiden damals zehn- und 14-jährigen Mädchen falsch eingeschätzt. Ja, der Sozialarbeiter bestätigt vor Gerichts seine Aussage: "Das ältere Mädchen hat doch ein Handy, damit kann sie die Polizei rufen.''

Damit hätte, so das Jugendamt, keine akute Gefährdung der Mädchen vorgelegen. Zumal der Sozialarbeiter berichtet, dass die "Mädchen immer einen selbstsicheren Eindruck'' gemacht haben. Obwohl sie, wie die Verhandlung ergibt, von Juli 1998 bis März 2000 von ihrem betrunkenen Vater unter anderem mit dem Kopf mehrfach gegen die Türklinke gehauen wurden oder Faustschläge ins Gesicht erhalten haben. Die Vorfälle hatten sie teilweise auch der Polizei gemeldet, die bereits im Herbst 1999 das Jugendamt einschaltete. Doch außer einigen Gesprächen ist denn Mädchen seitens der Behörde offenbar nicht geholfen worden. Auch wurde vom Jugendamt bis gestern noch kein Antrag auf eine anderweitige Unterbringung der Mädchen gestellt. Zum Beispiel bot sich der Onkel der Kinder an, dass sie bei ihm leben können.

Der Vater selbst hatte seine Unfähigkeit bei der Erziehung der Mädchen eingesehen, war, nachdem er mit seinem Latein am Ende war zum Jugendamt gegangen und hatte gesagt: "Ich kann nicht mehr, helfen sie mir weiter.'' Auch da bestand kein Anlass für das Amt, seine Passivität abzulegen. "Da würden bei mir alle roten Lichter angehen'', schimpft der Verteidiger. Stattdessen beteuert der Sozialarbeiter, wie "unbekümmert die Kinder von den Taten gesprochen haben''. Die Frage der Staatsanwältin, ob das mit einem Gewöhnungseffekt zu tun haben könnte, da Gewalt in der Familie offenbar normal war, kann der Mann vom Amt nicht bestätigen. Dass es aber durchaus gewöhnlich war, dass der Vater im Vollrausch zugeschlagen hat, bestätigt die Ehefrau. "Er hat mich einmal mit der Bratpfanne auf dem Kopf gehauen, aber das war nicht böse gemeint.'' Einmal habe er ihr im Streit auch den Mittelfinger gebrochen. Aber alles sei inzwischen verheilt. Ja, viel und häufig habe er getrunken. Dass er seine Kinder geprügelt hat, wenn die abends 23 Uhr noch duschen wollten oder zu viel telefonierten, kann sie allerdings nicht ganz verurteilen. "Die haben sowieso nur noch auf ihre Freunde gehört, nicht mehr auf uns.'' Keine Würde, kein Respekt habe es gegeben. Für die Mutter, die der Richter als "überfordert'' einschätzt, ist es dennoch das höchste Ziel, dass "die Familie zusammenbleibt.'' Was aber bisher noch nicht geklärt ist.

Der Richter verurteilt den 45-jährige Lackierer zu einem Jahr und sechs Monaten Haft auf Bewährung wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in sechs, sowie wegen Körperverletzung in zwei Fällen. Denn, so der Richter, "Züchtigungen gegen Kinder sind Körperverletzungen.'' Die Bewährungsfrist dauert zwei Jahre, außerdem muss sich der Mann an die Suchteberatung wenden. An die Adresse des Jugendamts gerichtet, sagt der Richter, dass nun "Versäumnisse'' aufgeholt werden müssten, um für die heute 12- und 16-jährigen Mädchen eine Lösung zu finden. Jugendamtsleiter Bruno Pfeifle beteuert noch am Abend, dass die Mädchen "aus unserer Sicht ausreichend Hilfe'' erhalten hätten.
Stuttgarter Zeitung vom 20.3.2001

 

"Wir werden prüfen, was falsch lief''

Bruno Pfeifle

Das Amtsgericht erhebt gegen das Jugendamt schwere Vorwürfe. Doch dessen Leiter sieht entsprechend der Aktenlage keine Versäumnisse der Mitarbeiter.

Herr Pfeifle, Ihre Mitarbeiter müssen sich vorwerfen lassen, den Mädchen nicht geholfen zu haben. Warum wurde nicht gehandelt?
Aus meiner Sicht kann ich den Mitarbeitern keinen Vorwurf machen. Es wurden Angebote zu einer anderen Unterbringung unterbreitet, wir standen in Kontakt mit anderen Hilfestellen.
Kann man den Fall nach Aktenlage objektiv beurteilen?
Die Akte ist eine Aufstellung dessen, was vorfiel und was getan wurde, also Fakten darstellt.
Der Vater verließ aber auf eigene Initiative die Wohnung.
Es muss nicht alles auf Initiative des Jugendamtes zustande kommen. Aber möglicherweise wurden diese Lösungen ja nur gefunden, weil wir Gespräche mit der Familie führten.
Der Richter hat das Jugendamt aufgefordert, über die Versäumnisse nachzudenken. Was jetzt?
Wir werden prüfen ob, und wenn ja, was falsch lief.
Die Mutter hat im Prozess die Trennung von ihrem Mann völlig ausgeschlossen.
Das konnte ich nicht wissen. Dann geht es darum zu klären, ob die Mädchen zu Hause bleiben können und wenn ja, welche Sicherungsmaßnahmen nötig sind.
Mit welchem Ziel trafen sich gestern nach Prozessende Ihre Mitarbeiter mit den Eltern?
Um genau das zu klären.
Warum hat das denn die vergangenen zwei Jahre nicht geklappt?
Wir haben jetzt eine neue Situation: Der Vater ist verurteilt, wir wissen nicht wie er reagiert. Wir müssen nun sicherstellen, dass den Mädchen nichts passiert.
Fragen von Barbara Czimmer-Gauß

Leserbrief, 22.3.

Polizei effektiver als Ämter

Zu "Verwahrloste Kinder: Jugendamt in der Kritik''

Nachdem ich selbst einen Verdacht auf Kindesmisshandlung zur Anzeige beim Jugendamt gebracht habe, wurde mir zunächst erklärt, sobald die zuständige Sachbearbeiterin aus dem Urlaub komme, würde man die betreffende Familie einmal zum Gespräch einladen. Auf den Einwand meinerseits, dass Gefahr für das Kind bestehe, antwortete man nur, dass oftmals unlautere Absichten hinter einer Anzeige stecken würden, dass man die Persönlichkeitsrechte der betreffenden Familie nicht verletzen dürfe und eine problematische Familie meist noch besser sei als gar keine. Nach dem Notieren meiner Personalien habe ich nichts mehr gehört. Allerdings frage ich mich nun: Welchen Sinn macht es für die betroffenen Kinder, wenn das Jugendamt Bescheid weiß? Es ist wesentlich effektiver, bei Verdacht sofort die Polizei zu verständigen und nicht den rätselhaft langsamen Mühlen der Ämter zu vertrauen.
Beate Obenland, Stuttgart - Bad Cannstatt

 


Bilanz zu unserer Pressedokumentation

weitere Artikel

 

weitere Beiträge zum Thema Wächteramt der Jugendämter


 

[AGSP] [Aufgaben / Mitarbeiter] [Aktivitäten] [Veröffentlichungen] [Suchhilfen] [FORUM] [Magazin] [JG 2011 +] [JG 2010] [JG 2009] [JG 2008] [JG 2007] [JG 2006] [JG 2005] [JG 2004] [JG 2003] [JG 2002] [JG 2001] [JG 2000] [Sachgebiete] [Intern] [Buchbestellung] [Kontakte] [Impressum]

[Haftungsausschluss]

[Buchempfehlungen] [zu den Jahrgängen]

Google
  Web www.agsp.de   

 

 

 

 

 

simyo - Einfach mobil telefonieren!

 


 

Google
Web www.agsp.de

 

Anzeigen

 

 

 

 


www.ink-paradies.de  -  Einfach preiswert drucken