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Hamburg · 6. März · dpa · Die Mutter der in Hamburg verhungerten siebenjährigen Jessica soll nach Medienberichten schon früher eigene Kinder vernachlässigt haben. Laut Spiegel und Focus hatten sowohl eine Tante der 35-jährigen Frau als auch ihr Ex-Mann vor 14 Jahren und im Jahre 1999 die Behörden darüber informiert.
Die in Untersuchungshaft sitzende Mutter habe bereits ihren ersten Sohn in einem abgedunkelten Zimmer eingesperrt. Der damals acht Monate alte Junge sei dann zu Adoptiveltern gekommen. Auch der zeitweilige Ehemann berichtete von Vernachlässigung der gemeinsamen Kinder. Er habe bereits 1999 das Jugendamt informiert. Ein Sprecher der Hamburger Sozialbehörde sagte dem Bericht zufolge, die alten Fälle seien abgeschlossen gewesen. Deshalb finde sich in den Akten kein Eintrag dazu.
Laut Polizei weisen die Mutter und der ebenfalls inhaftierte Vater alle Schuld von sich: "Wenn sie nicht essen will, was soll ich dann tun?", habe die Mutter gesagt.
Das Sozialamt werde die Kosten für eine "würdevolle Beisetzung" Jessicas übernehmen, sagte Bezirksamtsleiter Gerhard Fuchs dem Hamburger Abendblatt. Frankfurter Rundschau, 6.3.05
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Verwandte berichtet - Mutter von Jessica sperrte weiteres Kind ein
Hamburg/München (rpo). Die Mutter der in Hamburg verhungerten Jessica hat offenbar schon früher ein Kind verwahrlosen lassen. Bereits vor 14 Jahren soll eine Tante das Jugendamt alarmiert und den damals acht Monate alten Säugling bei sich aufgenommen haben.
"Auch ihren ersten Sohn Andre bewahrte sie in einem abgedunkelten Zimmer auf", sagte die Großtante der siebenjährigen Jessica dem Nachrichtenmagazin "Focus" laut Vorabbericht vom Sonntag.
Ihre Nichte sei beim Jugendamt kein unbeschriebenes Blatt gewesen, sagte die Großtante weiter. "Ich bin froh, dass ich Andre damals sofort zu mir genommen habe, sonst hätte er möglicherweise das gleiche Schicksal erlebt wie Jessica", fügte sie hinzu. Der Junge lebe heute bei Adoptiveltern.
Jessica war am vergangenen Dienstag im Hamburger Stadtteil Jenfeld an Erbrochenem erstickt, ausgelöst durch Folgen der Unternährung, wie eine Obduktion im Rechtsmedizinischen Institut der Hansestadt ergab.
Bei ihrem Tod wog sie nur noch neuneinhalb Kilogramm. Gegen die 35 Jahre alte Mutter und ihren 14 Jahre älteren Lebensgefährten wurde Haftbefehl erlassen. Rheinische Post, 6.3.2005
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Hamburg trauert um Jessica: Mutter der verhungerten Siebenjährigen hat schon früher ihre Kinder vernachlässigt
Hamburg - Mit einem bewegenden Gedenkgottesdienst haben mehrere hundert Menschen am Sonntagabend von der siebenjährigen Jessica Abschied genommen, die in Hamburg qualvoll verhungerte. In einer emotionalen Predigt erinnerte der evangelische Pastor Thies Hagge an die Leiden von Jesus Christus und brachte sie in Verbindung mit dem Martyrium, das die Siebenjährige durchmachen mußte. "Ich bin sicher, daß Jessica jetzt bei ihm ist und daß er ihre Tränen trocknet", sagte Hagge in der Friedenskirche im Hamburger Problemstadtteil Jenfeld. Zahlreiche Jugendliche und Eltern mit ihren Kindern kamen in die kleine weiße Kirche, um dem Mädchen die letzte Ehre zu erweisen. Von Jessicas Familie war niemand gekommen. Ein schlichtes Holzkreuz, ein paar Kerzen und Grablichter waren der einzige Trauerschmuck - weder Blumen noch irgendein anderes Zeichen persönlicher Anteilnahme waren zu sehen. Die Siebenjährige war von den Eltern in der Wohnung ohne genug Essen und Trinken in einem dunklen Zimmer eingesperrt worden. Das Mädchen starb am Dienstag qualvoll.
Die Mutter des Mädchens soll schon früher ihre Kinder vernachlässigt haben. Nach Berichten von "Spiegel" und "Focus" hatten sowohl eine Tante der 35 Jahre alten Frau als auch ihr Ex-Mann vor 14 Jahren und 1999 die Behörden darüber informiert. Die Mutter habe bereits ihren ersten Sohn in einem abgedunkelten Zimmer eingesperrt. "Der Kleine sah übel aus und war total verstört", sagte die Tante. Der damals acht Monate alte Junge sei dann zu Adoptiveltern gekommen. Auch der spätere Ehemann der 35jährigen berichtete von Vernachlässigungen bei den gemeinsamen beiden Kindern. "Sie kümmerte sich nicht um die Kleinen, wechselte keine Windeln, kochte kein Essen", sagte er dem "Focus". Schließlich habe er sich scheiden lassen und das Sorgerecht bekommen.
Der Mann wirft den Behörden Untätigkeit vor, denn er habe bereits 1999 das Jugendamt informiert. Der Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, Rico Schmidt, sagte dem Bericht zufolge, die alten Fälle seien abgeschlossen gewesen. Deshalb finde sich in den Akten kein Eintrag dazu.
Jessicas Mutter, die wie der Vater auch in Untersuchungshaft sitzt, hatte am Dienstag einen Notarzt gerufen, weil das Mädchen leblos im Bett lag. Die Obduktion ergab, daß die Siebenjährige an Erbrochenem erstickt war. Sie hatte einen Darmverschluß und konnte deshalb das Essen, das sie offenbar nach langem, zwangsweisem Fasten erhalten hatte, nicht bei sich behalten. Außerdem war das Kind bei nur noch 9,5 Kilogramm Körpergewicht völlig ausgetrocknet. Berliner Morgenpost, 7.3.2005
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Jessicas Hungertod: Senat räumt Fehler ein Prüfgruppe soll Abstimmung zwischen Dienststellen verbessern - Sozialamtsmitarbeiterin will schon 1999 Jugendamt informiert haben
von Insa Gall
Das Eingeständnis erfolgte eher beiläufig und in ganz anderem Zusammenhang: "Es gibt in diesem Fall eine Mitverantwortung der öffentlichen Hand", sagte Justizsenator Roger Kusch gestern, als er zusammen mit Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig die Konsequenzen vorstellte, die der Senat aus dem Hungertod der siebenjährigen Jessica zieht. Auch die Chefin der Bildungsbehörde räumte ein: "Im Nachhinein hat sich herausgestellt, daß Fehler passiert sind." Der Mitarbeiter der Rebus-Beratungsstelle, der mehrfach bei Jessicas Eltern geklingelt, aber nicht das Jugendamt informiert hatte, habe "einen tragischen Irrtum begangen". Um ähnliche Fälle künftig auszuschließen, so Dinges-Dierig, müsse "das Netz behördlicher Möglichkeiten noch enger" gespannt werden.
So hat der Senat eine Prüfgruppe eingesetzt, die unter Federführung der Justizbehörde in den kommenden drei Monaten klären soll, wie die Informations- und Abstimmungsprobleme der mit der Jugendhilfe befaßten Dienststellen abgestellt werden können. Amtsleiter sämtlicher Behörden sollen prüfen, welche Daten die einzelnen Dienststellen benötigen, um das Wohl vernachlässigter Kinder besser zu schützen. "Dort, wo datenschutzrechtliche Hemmnisse die Weitergabe der Informationen behindern, werden wir die gesetzlichen Regelungen gegebenenfalls ändern", kündigte Kusch an. "Wir müssen den Tod Jessicas zum Anlaß nehmen, bestehende Defizite aufzuarbeiten."
Dazu gehört auch, daß die Rebus-Mitarbeiter künftig immer dann, wenn sie in einen Fall von Schulpflichtverletzung eingeschaltet werden, das Jugendamt informieren müssen. Zudem soll ein zentrales Schülerregister eingeführt werden, um den Abgleich mit Daten der Sozial-, Jugend- und Gesundheitsämtern zu erleichtern. Wie berichtet, soll auch der "Schulzwang" im Schulgesetz eingeführt werden. Prüfen will der Senat schließlich, ob die im Kindesalter empfohlenen medizinischen Untersuchungen verpflichtend gemacht werden können.
Die SPD-Bildungsexpertin Britta Ernst kritisierte die Senatsreaktion als "unangemessen und in keiner Weise ausreichend". Was die Senatorin vorgelegt habe, sei nicht der umfassende und gründliche Bericht, den der Bürgermeister versprochen habe. GAL-Fraktionschefin Christa Goetsch lehnt die Einführung des Schulzwangs als "Schnellschuß" ab.
Unterdessen wurde bekannt, daß es für die Behörden zwei weitere Gelegenheiten gab, bei denen die Vernachlässigung Jessicas hätte auffallen können. So hatte eine Sozialamtsmitarbeiterin bereits 1999 die seltsamen Verhältnisse in der Familie bemerkt, als sie zur Überprüfung der Anspruchsberechtigung mehrfach in der Wohnung war. Jessica bekam sie dabei nie zu Gesicht, weil das Kind stets gerade schlief, wie die Mutter behauptete. Die Sachbearbeiterin sagt heute, sie habe damals das Jugendamt informiert. Dieser Vorgang sei aber nicht mehr nachvollziehbar, so Dinges-Dierig. Und offenbar war auch das erste Kind von Marlies Sch, das mit acht Monaten zur Adoption freigegeben wurde, vernachlässigt worden und mußte in abgedunkelten Räumen leben. Als das Kind zu den Adoptiveltern kam, zeigte es erhebliche Entwicklungsrückstände. Jessica soll noch in dieser Woche beerdigt werden. Die Welt, 9. März 2005
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FeindlicheEltern: Viele Kinder leiden unter Vernachlässigung und einem ignoranten Umfeld
Der Hungertod der siebenjährigen Jessica ist kein Einzelfall: Jeden Tag werden Kinder missbraucht und geschlagen. Was muss passieren, um in Fällen grober Vernachlässigung früher eingreifen zu können?
Von Barbara Junge
Sie heißen Dennis, Alisan-Turan, Domenic, Vivian oder Jessica. Sie sind verhungert, verdurstet oder erstickt. Und niemand hat etwas gemerkt. Niemand hat die Polizei oder das Jugendamt informiert. Niemand hat diese Kinder retten können.
Allein in den vergangenen fünf Jahren sind mindestens acht Fälle in Deutschland bekannt geworden, in denen Kinder zwischen dem Säuglingsalter und der Schulreife qualvoll starben – Todesursache: Vernachlässigung. Wie viele Kinder unterhalb dieser letzten Schwelle gravierend vernachlässigt werden ist unbekannt. Doch die Dunkelziffer nicht erkannter Misshandlungen ist hoch, sagt der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann nach dem Tod der siebenjährigen Jessica aus Hamburg: „Ein Prozent der Kinder in Deutschland erleidet dauerhafte körperliche Schäden“. Das wären fast 100000 Kinder.
In Hamburg plant die zuständige Senatorin nun ein Gesetz zur zwangsweisen Durchsetzung der Schulpflicht. Damit könnte sich ein Mitarbeiter der Bildungsbehörde zusammen mit einem Vollstreckungsbeamten Zutritt zur Wohnung von Eltern verschaffen, deren Kinder nicht zur Schule angemeldet wurden oder dort seit längerem nicht erschienen sind. Ein nahezu verzweifelt anmutender Versuch, der Kinder überhaupt habhaft werden zu können – wenigstens dann, wenn sie schon schulpflichtig sind. In Berlin hat die oppositionelle CDU-Fraktion den Antrag gestellt, die kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen, die jedem Kind zwischen Geburt und frühem Schulalter zustehen, zur Pflicht zu machen. Damit der Gesundheitszustand von Kindern wenigstens von Ärzten überwacht werden kann. Das bayerische Staatsministerium für Gesundheit indes sieht darin einen zu weit gehenden Eingriff in die elterliche Entscheidungsfreiheit – denn die Familie genieße den besonderen Schutz der Verfassung.
Doch gerade der Zustand der Familien ist es, der Experten beunruhigt. Nicht nur Hurrelmann befürchtet, dass das familiäre und nachbarschaftliche Umfeld „in unserer Zeit sehr distanziert und brüchig geworden ist“. Auf die Familie ist in vielen Fällen kein Verlass, das zeigt der Fall Jessica, die ihre Eltern verhungern ließen. Die Vorsitzende der Kinderkommission im Bundestag, Ekin Deligöz (Grüne), fordert deshalb zuallererst mehr qualifizierte Hilfen für Eltern. Es müsse selbstverständlich sein, dass Sozialeinrichtungen dort, wo Probleme erkennbar werden, Zugang zu Familien bekommen. „Es gibt nicht nur das Jugendamt als zuständige Behörde sondern auch Kindergeldstellen oder Kindergärten, in denen behutsam der Kontakt zu den Eltern gesucht werden muss.“ Ähnlich argumentiert der Kinderschutzbund. Der Zugang zu Angeboten für Eltern müsse erleichtert werden, indem man etwa Vorsorgeuntersuchungen mit einem Müttercafe verbinde oder Familienhebammen finanziere, die die Familie ein Jahr nach der Geburt eines Kindes begleiten. Zudem sei es zentral, die Angebote für Familien untereinander zu vernetzen, damit frühzeitig auffällt, wenn ein Kind vernachlässigt wird.
Wenn die Hamburger SPD-Fraktion jetzt erwägt, einen Sonderausschuss einzurichten, in dem Punkt für Punkt geklärt wird, wo wann was hätte getan werden können, dann geht sie in diese Richtung. Denn helfen wird ein Schulzwang keinem vernachlässigten Säugling. Helfen wird wohl nur, für die Zukunft zu erkennen, wo staatliche Stellen, Sozialdienste und auch Nachbarn, Verwandte und Bekannte die Möglichkeit hätten, Verantwortung zu übernehmen und einzugreifen.
Als in Großbritannien 1991 die kleine Sukina Hammond starb, veranlassten die Behörden eine Analyse der Umstände ihres Todes – bei einem unabhängigen Institut. Das trug zusammen, welche Anzeichen es gegeben hatte, welche Behörden involviert waren und was diese unternommen hatten, welcher Nachbar was gehört hatte, ob irgendjemandem etwas am Kind aufgefallen war und wer wann und warum nicht gedacht hatte, sich verantwortlich fühlen zu müssen und zu handeln. Daraus ließe sich lernen. Die Expertin zum Thema Gewalt gegen Kinder beim Deutschen Kinderschutzbund, Katharina Abelmann-Vollmer, fordert, auch im Fall Jessica ein solches Gutachten in Auftrag zu geben. „Nur wenn wir die Lücken erkennen, können wir etwas dazu tun, solche schrecklichen Fälle zu verhindern.“ Tagesspiegel, 9.3.2005
s.a. SPIEGEL H. 10/2005, http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,345080,00.html http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,345379,00.html
s.a. Offener Brief der AGSP an die SPD zur kinderärztlichen Pflichtuntersuchung
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