FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

Einsatz für fremdes Baby ging zu weit

Fall Jaqueline: Nachbarin versperrte Polizist den Weg - Verfahren eingestellt - Rechtsanwalt kritisiert Jugendamt

 

Neuötting (bi). Die 49-jährige Angeklagte berichtete vor dem Amtsgericht Altötting, sie habe der offensichtlich total überforderten Mutter der kleinen Jaqueline seit der Geburt beigestanden, ihr Babykleidung besorgt und das Kind schließlich ganz zu sich genommen.
"Die Kindsmutter ist nächtelang ausgegangen und hat dann bis Nachmittag im Bett gelegen, ihre Wohnung sah chaotisch aus", sagte die Angeklagte, die sogar ihren Teilzeitjob als Friseuse aufgab, um sich ganz dem Baby zu widmen.
Auf die Frage des Richters, warum sie nicht das Jugendamt rechtzeitig über die unhaltbaren Zustände informiert habe, sagte die Frau, sie habe bereits Mitte Juli bei der Behörde vorgesprochen; im August und im September sei sie ebenfalls persönlich dort gewesen. Zweimal habe sie außerdem mit dem Jugendamt telefoniert. Als keine Reaktion erfolgte, habe sie im Oktober angekündigt, sie werde sich an die Öffentlichkeit wenden. Erst jetzt sei das Jugendamt tätig geworden.
Am 24. Oktober erschienen zwei Vertreterinnen des Amtes bei der Angeklagten. Ihre Bitte, ihr die Pflege zu übertragen, weil sie das Baby schon so lange versorge, sei abgewiesen worden. Zwei Stunden später kamen die Angestellten erneut, diesmal in Begleitung von zwei Polizeibeamten. Der Kindsmutter wurde eröffnet, das Jugendamt nehme Jaqueline in Obhut und werde eine geeignete Pflegemutter für sie suchen.
Kindsmutter wie Angeklagte waren über diese Entscheidung bestürzt, es kam zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Die Mutter wollte mit dem Baby die Wohnung verlassen, ein Polizist folgte ihr, die Angeklagte trat ihm in den Weg und stemmte ihren Arm in den Türstock. Der Beamte versuchte den Arm wegzudrücken, erst nach einem leichten Schlag auf den Arm gab die Frau den Weg frei.
Richter und Staatsanwalt ließen durchblicken, der Einsatz der Angeklagten für die kleine Jaqueline verdiene zwar Anerkennung, doch mit ihrem Versuch, dem Polizisten den Weg abzusperren, sei sie zu weit gegangen. Rechtsanwalt Erhard Frank (Burghausen) rügte die säumige Arbeitsweise des Jugendamtes und äußerte Unverständnis für die Begründung, dass die Angeklagte als Pflegemutter ungeeignet sei, wo sie doch zum Baby eine starke gefühlsmäßige Bindung entwickelt habe. Vier Monate habe die Frau vorbildlich für die kleine Jaqueline gesorgt - und jetzt müsse sie sich vorhalten lassen, sie solle sich nicht um Dinge kümmern, die sie nichts angingen, kritisierte Frank.
Die Angeklagte habe zwar gegenüber dem Polizisten Widerstand geleistet, doch nur in sehr geringem Umfang Gewalt angewendet, befand Richter Dieter Wüst. Seinem Vorschlag, das Verfahren gegen Zahlung von 300 Mark einzustellen, stimmte der Staatsanwalt zu. Auch die Frau war damit sichtlich zufrieden und konnte den Gerichtssaal straffrei verlassen.
PNP Altötting - 12.3.2001

 

Kommentar: Ein Jugendamt, das sich trotz wiederholter Benachrichtigung nicht rührt, sondern erst auf Veröffentlichungsdrohung und dann gleich mit polizeilicher Gewalt reagiert statt mit Gesprächsangeboten, das ferner eine Nachbarin ausgrenzt, die sich um das Baby monatelang kümmerte und bereit ist, die Pflegschaft zu übernehmen und schließlich ein Staatsanwalt, der diese Frau wegen ihres überzogen kämpferischen Einsatzes vor Gericht zieht – bei dieser Geschichte gibt es nur eine Hoffnung: es ist alles nicht wahr, die Journalisten haben schlecht recherchiert und einseitig berichtet!
Kurt Eberhard (März 01)


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