FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Erfahrungsbericht / Jahrgang 2004

 

Robin ist erst vier – und lebt jetzt in der fünften Familie

Pflegeeltern geben nach Auseinandersetzungen mit dem Jugendamt auf

Von Christian Althoff

 

Bielefeld (WB). Sie kamen um 6 Uhr in der Frühe: Begleitet von Polizisten haben zwei Mitarbeiter des Bielefelder Jugendamtes einen dreieinhalbjährigen Jungen aus seinem Bett geholt, um ihn seinen Pflegeeltern zu entziehen. Es war der Höhepunkt einer Auseinandersetzung zwischen Behörde und Pflegeeltern, die jetzt ihren Verzicht auf das Kind erklärt haben.

„Wir wollten einem benachteiligten Kind die Chance geben, in einer intakten Familie aufzuwachsen“, erzählt Andrea Neustock (42). Sie und ihr Mann Holger (37) bewarben sich beim Jugendamt um ein Dauer-Pflegekind und besuchten Seminare, um sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Im Mai 2002 war es soweit: Das kinderlose Ehepaar nahm Robin (Name geändert) bei sich auf – einen Jungen, der im Alter von 2 Jahren seinen überforderten Eltern fortgenommen worden war und anschließend sechs Monate bei Bereitschaftspflegeeltern gelebt hatte, einer Art Kinderheimersatz. „Wir waren seine dritte Familie und hatten uns darauf eingestellt, dass das Kind Ängste haben würde“, sagt Holger Neustock. Doch Robin habe überraschend schnell Vertrauen gefasst. „Er war ein Papa-Kind“, erzählt Andrea Neustock. „Wenn mein Mann von der Arbeit kam, war ich abgemeldet. „Auch tagsüber habe Robin häufig nach seinem Pflegevater gefragt: „Er rief ihn dann an und war wieder zufrieden.“

Es habe aber auch schwierige Tage gegeben, erzählt die Bürokauffrau, die mit Aufnahme des Kindes in den Erziehungsurlaub gegangen war: „Robin wollte wie jedes Kind seine Grenzen ausloten und hat schon mal um sich geboxt oder getreten. Wir haben ihm dann aber seine Grenzen aufgezeigt.“ Robin und seine Pflegeeltern gewöhnten sich zunehmend aneinander, doch zwischen den Neustocks und einer Sozialarbeiterin des Jugendamtes kam es vermehrt zu Spannungen. „Es fing damit an, dass wir uns von der evangelischen Familienhilfe beraten lassen wollten, die Sozialarbeiterin aber auf der AWO-Familienberatung bestand“, berichtet die Pflegemutter. Auch habe das Jugendamt darauf gepocht, Robin mit drei Jahren in den Kindergarten zu schicken, was die Pflegeeltern nicht wollten. Holger Neustock: „Wir waren der Meinung, der Junge müsse erst einmal zur Ruhe kommen und sich nicht dauernd an neue Umgebungen gewöhnen müssen. Um für soziale Kontakte zu sorgen, wollten wir mit ihm zweimal in der Woche zum CVJM-Spielkreis gehen, aber das passte der Sozialarbeiterin nicht.“ Als die Pflegeeltern sich schließlich noch darüber beschwerten, dass die Sozialarbeiterin Robin bei ihren Kontakten jedes Mal wie selbstverständlich auf den Arm nahm („Wie soll ein Kind da noch wissen, wo es hingehört?“), eskalierte der Zwist. Das Jugendamt schrieb ans Familiengericht, das Kind habe keine Bindung zu den Pflegeeltern aufgebaut, sein Wohl sei gefährdet. Dieses hatte zur Folge, dass Robin im Juni 2003 auf Antrag der leiblichen Eltern per Gerichtsbeschluss aus der Pflegefamilie genommen wurde. Mitarbeiter des Jugendamtes erschienen am Morgen der Gerichtsanhörung und holten Robin ab – aus seinem Bett. Holger Neustock: „Sie trugen ihn fort, und er streckte seine Arme nach uns aus. Dieses Bild werde ich nie vergessen.“ Der Elektroinstallateur packte noch einen Koffer mit Robins Kleidung, seinem Schmusekissen und seinen Kuscheltieren und brachte ihn ins Jugendamt: „Den hat man mir sieben Monate später zurückgegeben – ungeöffnet.“

Seit jenem Tag hofften die Neustocks auf die entscheidende Anhörung vor dem Familiengericht, die allerdings erst elf Monate später im Mai dieses Jahres stattfinden sollte. „Im Vorfeld der Verhandlung verbreitete das Jugendamt weitere Lügen über uns“ erzählt Holger Neustock. So schrieb das Amt dem Familienrichter am 5. April 2004, das Ehepaar habe Robin taufen lassen, ohne das Einverständnis der leiblichen Eltern einzuholen. Holger Neustock kopfschüttelnd: „Wir sind Baptisten. Bei uns wird niemand getauft, bevor er nicht 14 Jahre alt ist und die Entscheidung selber getroffen hat.“

Als es schließlich zur Anhörung vor dem Familienrichter kam, entschieden sich Andrea und Holger Neustock, auf Robin zu verzichten – schweren Herzens, wie sie sagen. „Nachdem man uns den Jungen weggenommen hatte, war er zuerst in eine Bereitschaftspflegefamilie und dann zu anderen Pflegeeltern gekommen. Das heißt, der Junge ist heute vier Jahre alt und lebt bereits in der fünften Familie. Das Risiko, dass das Jugendamt dieses Spiel auf Kosten Robins weitertreibt, war uns zu groß.“

Im Protokoll der Verhandlung heißt es, die Eheleute hätten dem Kind >>alle Liebe, Fürsorge, Betreuung und Förderung<< angedeihen lassen, die sie geben konnten. Unterschiedliche Vorstellungen zwischen Jugendamt und Pflege-eltern über die notwendige Kooperation hätten sich allerdings am Ende als unvereinbar erwiesen. Holger Neustock: „Es ging dem Amt offenbar nur darum, uns seine Vorstellungen aufzudrücken. Das Wohl des Jungen kam erst an zweiter Stelle. Von dem Vorwurf, wir hätten das Kindeswohl gefährdet, war in der Verhandlung auch keine Rede mehr.“

Dass sie sich nichts vorzuwerfen hatten, wussten die Pflegeeltern allerdings schon seit November 2003. Da hatte eine vom Jugendamt beauftragte Diplom-Sozial-Pädagogin nach drei Hausbesuchen notiert: >>Ich erlebte Robin als fröhliches, aufgeschlossenes Kind, das sich in der Pflegefamilie wohl fühlte. Er bewegte sich frei und ungezwungen und zeigte deutlich, dass eine positive Bindung zwischen ihm und seinen Pflegeeltern besteht. Im Sprach- und Spielverhalten konnte ich keine Entwicklungsrückstände feststellen.<<

Ungeachtet dieses Schreibens beharrt das Jugendamt weiter darauf, dass es dem Jungen bei den Neustocks „körperlich und seelisch immer schlechter“ ging, wie eine Sprecherin am Freitag sagte. Erst in der jetzigen Pflegefamilie habe man diese Entwicklung umkehren können…

In: Westfalen-Blatt Nr. 147, OSTWESTFALEN-LIPPE,  26. / 27.06.2004

Die Pflegeeltern sind an Meinungsäußerungen oder ähnlichen Erfahrungen sehr interessiert, deshalb hier ihre Anschrift:
Andrea und Holger Neustock
Belzweg 11

33739 Bielefeld
Tel.: 05206/928910
Mail:
Neustock@bitel.net

 

 

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