FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

Eine Kindheit zwischen Pflegemutter, Heimen und Gefängnis


Bittere Worte: "Ich werde Dich nicht enttäuschen, ich will nie wieder im Knast sitzen." Das schrieb René (15) aus dem Jugendgefängnis Hameln an seinen Anwalt. Dazu hatte er ein Bild mit einem Auto gemalt und versprach: "Ich fasse nie wieder ein Auto an, bevor ich einen Führerschein habe."

"Der Junge ist voller Hoffnung", sagt Anwalt Manfred Döbel (50). "Vor kurzem kam die Zusage, dass René an der Erziehungsmaßnahme in Südamerika teilnehmen darf." Die letzte Chance, sein Leben in den Griff zu bekommen und die Gesellschaft vor neuen Straftaten zu bewahren.

"Der Junge tut mir leid", sagt Jugendrichter Detlef Süßenbach (49). "Er hat ein Heimleben hinter sich. Die Erziehung ist völlig schief gelaufen."

Geboren wurde René 1985 in Hannover. Seine Mutter ist alkoholsüchtig, sein Vater gewalttätig. Als René elf Monate alt war, übernahm das Jugendamt die Vormundschaft. Es gab Baby René zunächst für sechs Monate in ein Säuglingsheim und dann zu einer Pflegemutter mit drei eigenen Kindern.

Schon als Kleinkind war der Junge aggressiv und demolierte Spielzeug. Mit sechs Jahren kam René auf eine Sonderschule. Als er neun Jahre alt war, zertrümmerte er Fenster, legte Feuer, stahl Fahrräder und Schlüssel.

Die Pflegemutter wurde mit ihm nicht fertig. Sie hatte versucht, René in ihre Gemeinschaft der Zeugen Jehovas einzubinden. Der Junge rebellierte. Das Jugendamt gab ihn deshalb tagsüber in das Heim Rodenhof (Bothfeld) und außerdem in eine Psychotherapie. Abends kehrte René zur Pflegemutter zurück - bis die Frau völlig überfordert war.

Von da an lebte René im Rodenhof und wollte - gerade 13 - von einem Hochhaus springen. Später begann er, Enttäuschung und Frust abzureagieren: Er stahl die Autoschlüssel seiner Erzieher und riss aus. Die erste Tour ging mit Tempo 140 nach Langenhagen zur früheren Pflegemutter. Dabei baute er einen Unfall mit Blechschaden.

Danach kam René in ein Heim nach Hildesheim und wurde auf die erste erlebnispädagogische Maßnahme geschickt: ein Monat in einem einsamen Bergdorf in der Schweiz.

Gerade zurück, stahl Rene das Auto des Heimleiters und düste wieder nach Langenhagen - unfallfrei. 1999 die zweite Erziehungsmaßnahme im Ausland: diesmal auf einer einsamen Insel vor Schottland mit vier weiteren Jungen und fünf Erziehern.

Die fünf Monate sollen erfolgreich gewesen sein. Doch danach waren die Erzieher, die aus Kiel stammen, offenbar so geschafft, dass sie Urlaub nahmen. René musste bei einem Pädagogen in Kiel bleiben.

Und schon ging es wieder los: Auto gestohlen und ab zur Ex-Pflegemutter nach Langenhagen. Unterwegs beschaffte sich René Geld durch Einbrüche. Anfang 2000, er war 14 geworden, wurde er geschnappt und landete erstmals in Jugendhaft. Das Urteil im April 2000 für Einbrüche, Sachbeschädigung, Fahren ohne Fahrerlaubnis: 15 Monate Jugendhaft auf Bewährung.

Anschließend wurde René in einem Heim in Berlin untergebracht, dessen Erzieher als besonders konsequent gelten. Der Junge baute an einem Haus mit, zeigte handwerkliches Geschick.

Doch beim ersten Frust stahl er erneut ein Auto und setzte sich ab. Im August 2000 wurde René wieder in Hannover aufgegriffen. Seitdem sitzt er im Jugendgefängnis.

Michael Kunze-Walther (45) vom Amt für Jugend und Familie sagt: "Die Stadt Hannover hat etwa zehn erlebnispädagogische Maßnahmen laufen." Sie kämen erst dann in Betracht, "wenn eine Unterbringung in der Psychiatrie oder Haftanstalten nicht greift".

Zur Erlebnispädagogik schicke man straffällig gewordene Jugendliche, die häufig davon laufen. Über einzelne Fälle könne er nicht sprechen, so Kunze-Walter. Nur Grundsätzliches: Erlebnispädagogik sei kein Abenteuer-Urlaub. Sinn der Maßnahme sei der Wechsel in eine Umgebung weit ab von der Zivilisation, in der sich Jugendliche auf das Allernötigste beschränken müssten. "Weg von der Konsum-Gesellschaft, damit der Mensch Zugang zu sich selbst findet."

Die Betroffenen seien meist beziehungsarm aufgewachsen. Sie müssten lernen, ihre Fähigkeiten zu erkennen und Hilfe von Anderen anzunehmen, statt wegzulaufen. Das Jugendamt habe solche Kinder schon auf einsame Bauernhöfe in die Alpen geschickt oder auf ein Segelschiff.
Neue Presse - 12.3.2001
 

Kommentar: Erlebnispädagogische Exkursionen setzen ein Minimum an Bindungsfähigkeit und Verläßlichkeit voraus. Sie sind eben pädagogische, keine therapeutischen Maßnahmen. René aber wurde in früher Kindheit tiefgreifend geschädigt und bedarf langfristig angelegter Erfahrungen verläßlicher Geborgenheit. Am besten wäre eine psychotherapeutisch betreute Pflegefamilie mit unerschöpflicher Liebe und Geduld, mit zwei älteren Söhnen in einem toleranten Dorf auf einer meerumschlungenen Insel. Weil das niemand bieten kann, gibt es für René nur die Alternative: noch einmal Erlebnispädagogik oder noch einmal Gefängnis. Nicht weil es ihm hilft, sondern unseren Sicherheitsinteressen dient. Unseren Sicherheits- und seinen Entwicklungsinteressen wäre aber besser gedient, wenn wir psychotherapeutische Einrichtungen hätten, in denen man zwischen geschlossenen und geöffneten Türen innerhalb des Geländes und an dessen Grenzen je nach seelischer Verfassung des Jugendlichen variieren könnte. Solche Einrichtungen gibt es zu wenig, es ist kaum möglich, sich mehr davon zu wünschen, ohne mit denjenigen verwechselt zu werden, die auf Senkung des Strafmündigkeitsalters, Strafverschärfung, Wegsperren und Brutalpädagogik setzen.
Kurt Eberhard (März 01)

 

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