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Bettelarm und am Rande der Gesellschaft - so leben zirka 3000 bis 5000 Straßenkinder an der Spree. Ihre Probleme beim täglichen Überlebenskampf wurden jetzt erstmals für Berlin in einer Studie zusammengefasst. Das Papier soll am Mittwoch von der Senatsjugendverwaltung vorgestellt werden. Vieles darin erinnert beim Lesen an das Schicksal der Christiane F. Jenes Mädchens, das in den späten 70er-Jahren durch seine Drogenkarriere am Bahnhof Zoo zu zweifelhaftem Ruhm gelangte.
Die von den Berliner Sozialpädagogen Erika Alleweldt und Vincenz Leuschner verfasste Studie erörtert die Situation von 60 jungen Menschen im neuen Regierungsbezirk Mitte. Besonderes Augenmerk richteten die Autoren dabei vor allem auf jene Straßenkinder, die sich am Alexanderplatz tummeln. Wie schon in den zwanziger Jahren, als der Alex Treffpunkt gestrandeter Großstadtexistenzen war, hat er auch heute seine spezielle Szene, und die wird maßgeblich von den schnorrenden Heranwachsenden geprägt. Zum ersten Mal wurde nun die soziale Struktur der Problemkinder analysiert. Der Studie zufolge sind diese zwischen 13 und 27 Jahren alt. Knapp 52 Prozent der Befragten sind weiblich. Bei den unter 18 Jahre alten dominieren die Mädchen, bei den älteren die Männer.
Etwa die Hälfte der Straßen-Jugendlichen kommt von außerhalb Berlins. Viele hätten Trennungen der Eltern sowie sexuellen Missbrauch verkraften müssen oder stammten aus «Suchtfamilien». Die Familiensituation ist ein «wesentlicher Faktor für die Entscheidung, den Lebensmittelpunkt auf die Straße zu verlegen», erklärt Frau Alleweldt. Knapp 27 Prozent der im letzten April/Mai Befragten seien obdachlos gewesen, manche kämen hin und wieder nach Hause, andere übernachteten bei Freunden.
Hauptproblem der Jugendlichen ist die schlechte Gesundheitsversorgung. Zwar steuert die Caritas einmal pro Woche den Alex mit einem Arztmobil an, aber der hygienische und gesundheitliche Zustand der Straßenjugendlichen ist dennoch mangelhaft. Fast 81 Prozent konsumieren gelegentlich illegale Drogen. Auch sind Infektionen wie Krätze, Läuse und Entzündungen weit verbreitet.
Neben Krankheiten ist vor allem die desolate Einkommenssituation der «Kids» ein Problem. Häufigste Geldquelle der Straßenjugendlichen ist das «Schnorren». Über 53 Prozent der Befragten gaben zudem an, Schulden zu haben. Die wenigsten können einen Schulabschluss vorweisen. Problematisch sei auch, dass die Jugendhilfen vielfach nicht akzeptiert würden, so die Verfasser. Die Autoren plädieren deshalb für eine spezielle Schuldnerberatung, anonyme Übernachtungsmöglichkeiten sowie psychologische Betreuung - eine Empfehlung an die Politik, die ernst genommen werden sollte. Denn an Erfahrungen mangelt es den Verfassern der Studie nicht. Sie arbeiten seit Jahren als Sozialpädagogen im Berliner Kontaktladen für Straßenkinder in Krisen (Klick). Allein in diese Anlaufstelle kommen pro Woche 25 bis 50 Jugendliche Trebegänger. Dort (Hamburger Straße 2 in Mitte) bekommen sie ein warmes Essen, können duschen und Wäsche waschen.
Wie viel «Streetkids» es derzeit an der Spree gibt, weiß niemand. Der Senat operiert mit Zahlen von mehr als 3000 Jugendlichen, die auf der Straße leben. Das Jugendamt schätzt, dass ein Drittel der 14- bis 18-Jährigen für Angebote der Jugendhilfe nicht mehr erreichbar ist.
Wer spenden will: Bank für Gemeinwirtschaft (BLZ 100 205 00), Kto. 333 79 00, Träger Jugendbüro e.V.
Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, kommen oft mit dem Gesetz in Konflikt. Kleinere Eigentumsdelikte - Taschendiebstähle oder solche in Läden - sind bei vielen der Trebegänger Alltag. Um Geld zu bekommen, prostituieren sich einige auch, vor allem an den Kiezen am Zoo oder in der Kurfürstenstraße. Wird ein Minderjähriger bei einer Straftat ertappt, behandelt ihn die Polizei wie jeden anderen Kriminellen auch. Eine Anzeige wird aufgenommen, zusätzlich wird das Jugendamt informiert.
Schwieriger gestaltet sich der Umgang mit Kindern, also Jungen und Mädchen unter 14 Jahren. «Wir versuchen dann, die Eltern ausfindig zu machen, um die Kinder zu ihnen zu bringen», sagt ein Polizist. Sind die Eltern nicht zu ermitteln, bringen die Beamten die Jugendlichen zum Jugendamt.
Dies gleicht einer Sisyphusarbeit. Denn die Kids leben meist aus eigenem Antrieb im Freien und kehren daher bei der ersten Gelegenheit wieder in ihr häufig selbst gewähltes Freiheitsidyll zurück - auf die Straße. Berliner Morgenpost 26.2.2001
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