FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2003

 

 Pascals Peiniger müssen ins Gefängnis

Hohe Haftstrafen für die Mutter des Zweijährigen und ihren gewalttätigen Ex-Freund

K. Bischoff

 

FRANKFURT (ODER). Mit reglosem Gesicht nahm Marcel O. am Dienstagnachmittag vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) sein Urteil entgegen. Elf Jahre muss der 25-jährige Tischler ins Gefängnis - weil er den kleinen Pascal aus Strausberg über ein Jahr lang misshandelt und im März dieses Jahres fast zu Tode geprügelt hatte. Melanie J., die Mutter des zweijährigen Jungen und einstige Lebensgefährtin von Marcel O., brach in Tränen aus, als ihr Urteil verkündet wurde: sie muss drei Jahre lang hinter Gitter. Die 22-Jährige hatte die Misshandlungen geduldet.

Dem Vorsitzenden Richter Ulrich Gräbert fiel es bei der Urteilsverkündung sichtlich schwer, seine Fassungslosigkeit in Worte zu fassen. "Wir hatten hier über einen außergewöhnlichen Fall zu verhandeln, vor allem wegen der Folgen für den kleinen Pascal", sagte Gräbert. Der Junge lebe noch, aber er lebe nicht mehr bewusst. Der Zweijährige konnte im März nur durch eine Notoperation gerettet werden. Zwölfmal musste er dabei wieder belebt werden. Das Kind kann nicht laufen und sitzen, nicht sprechen und sehen, ein Pflegefall.

Außergewöhnlich sei der Fall auch deswegen, weil es unglaublich viel Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit und Schlamperei gegeben habe, bei Verwandten und Freunden der Kindesmutter, so der Vorsitzende Richter. "Aber auch bei staatlichen Stellen", sagte Gräbert. Alle Schutzsysteme, die eine solche Misshandlung eigentlich unmöglich machen müssten, hätten versagt. "Alle haben etwas geahnt", so Gräbert. "Aber sie haben aus Bequemlichkeit weggeschaut und geschwiegen, wohl, um sich Unannehmlichkeiten zu ersparen."

Das Jugendamt, das schon frühzeitig Hinweise auf eine Misshandlung des Jungen bekam, habe sogar "bitter böse" versagt. Die Behörde hatte das Kind für einen Monat in eine Pflegefamilie gegeben - nachdem eine Ärztin bei Pascal Spuren von Misshandlungen entdeckt hatte - den Jungen dann aber unter Auflagen wieder an die Mutter zurückgegeben. "Die Auflagen, wie der regelmäßige Besuch bei einem Kinderarzt, hätten kontrolliert werden können", sagte Gräbert. Doch das habe niemand getan. "Wenn das nicht leistbar ist, dann muss der Landkreis Märkisch-Oderland genügend Personal zur Verfügung stellen. Unsere Kinder haben ein Recht darauf."

Auch der Polizei, bei der Pascals leiblicher Vater Anzeige wegen der Misshandlung seines Kindes erstattet hatte, sprach der Richter eine Verantwortung zu. "Es ist schlimm, dass man den Fall eines damals acht Monate alten Babys so behandelte wie ein normales Delikt", sagte Gräbert. Die Akte samt Anzeige verschwand spurlos.

Dann spricht der Richter über "Sofortmaßnahmen". Das Wort habe er mehrfach aus dem Mund einer Kriminalistin gehört. Diese Maßnahmen habe man eingeleitet, als der Angeklagte in den Verdacht geriet, er würde mit Drogen handeln, so die Polizistin. "Warum aber hat man bei Pascal keine Sofortmaßnahmen ergriffen, obwohl eine Anzeige da war?", fragte Gräbert.

Pascals leiblicher Vater hat in den Augen des Richters keine Chance gehabt, das Furchtbare abzuwenden. "Er ist die tragische Figur, dessen Sorgen keiner ernst genommen hat", sagte Gräbert. Der Vater habe sich um seinen Sohn bemüht und auch um das Sorgerecht. "Doch mit seiner Vita als ehemaliger Schausteller, Vorstrafen noch dazu", so der Richter. Als der Vater dann zum Jugendamt gekommen sei, um seinen schlimmen Verdacht zu melden, habe man sich dort aus Bequemlichkeit wohl nur gefragt, wie man ihn wieder abwimmeln konnte. "Warum hat man dem Vater keine Chance gegeben?"

Über 90 Minutern schildert Gräbert dann die Qualen, die Pascal durchlebt haben musste - mehr als zehn Knochenbrüche binnen eines Jahres, andere Grausamkeiten: Nachts musste das Kleinkind in der Ecke stehen, weil es ins Bettchen gemacht hatte. Anderntags spielte er unbeschwert mit der Oma, bis sich ein Schlüssel im Schloss drehte, und Pascal plötzlich wie versteinert da saß. "Wie furchtbar allein muss sich dieser Junge gefühlt haben nachts in dieser Ecke", so Gräbert.

BZ 26-11-2003

s.a. Hat das Jugendamt im Fall Pascal versagt?

 

 

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