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Flensburg (Holger Ohlsen) - Kein Zweifel. Diese Frau ist keine Heilige. Heute um 9.15 Uhr muss sich Ulla J. (37) vor der Zweiten Großen Strafkammer am Flensburger Landgericht verantworten. Es geht um diverse Diebstähle und diverse Körperverletzungen, besonders aber um eines: die Abgabe von Rauschgift an Jugendliche und Kinder, teils, um sie sexuell gefügig zu machen.
Im Mittelpunkt dieses Anklagevorwurfs steht ein heute 16 Jahre alter Jugendlicher. Er soll im Alter von 13 Jahren von Ulla J. mit Haschisch enthemmt und dann sexuell missbraucht worden sein. Aus dem Geschlechtsverkehr ging das jüngste von sieben Kindern hervor, die Ulla J. mit verschiedenen Männer hat.
Im Blickpunkt des Verfahrens steht auch das Flensburger Jugendamt, denn die Behörde soll lange Zeit von den Zuständen in der Familie gewusst - und geschwiegen haben. Die Medikamenten-abhängige Frau soll um sich herum ein Netz von willigen Zuarbeitern aufgebaut haben, die durch Erpressung, Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung den Sozialhilfe-Status (angeblich 2000 Euro monatlich) aufzubessern halfen. Ulla J., die alle Vorwürfe als Komplott ehemaliger Liebhaber bestreitet, soll dieses System durch die Abgabe von Alkohol und Drogen - und durch Sex - am Leben erhalten haben.
An Alarm-Signalen hat es anscheinend nicht gefehlt: So soll ein Flensburger Arzt das Jugendamt auf Diazepam-Vergiftungen hingewiesen haben, wegen der er Kinder der Angeklagten behandelte. Die Flensburger Polizei bearbeitete eine Vielzahl von Anzeigen wegen Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung und leitete sie pflichtgemäß ans Jugendamt weiter. Auch ein früherer Liebhaber, der seit vergangenem Jahr vergeblich um das Sorgerecht für seine dreieinhalb und sechs Jahre alten Kinder kämpft, behauptet, seit 2000 wiederholt auf das kriminelle Geflecht hingewiesen zu haben. Zuletzt ermittelte die Kriminalpolizei wegen versuchten Totschlags. Die Frau soll versucht haben, das gemeinsam mit dem 13-Jährigen gezeugte Kind im Medikamenten-Rausch aus dem Fenster zu werfen - eine Massierung von Alarmsignalen, die angesichts der Untätigkeit der Sozialbehörde auch in Flensburger Justizkreisen kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen wird.
Die Betreuerin des Sozialamtes, die Ulla J. seit 17 Jahren begleitet, hat davon offenbar nichts mitbekommen. Im Gegenteil: Ulla J. wurde noch ein Mädchen zur Pflege überlassen. Erst als sie mit Haschisch-Handel gegen die Bewährungsauflagen einer zehnmonatigen Strafe wegen Kaufhausbetruges verstieß und in Haft musste, wurde die Behörde tätig und brachte die Kinder in städtischen Heimen oder bei Pflegeeltern unter. Für Renate Bergner, Anwältin des auf sein Sorgerecht klagenden Vaters, liegt der Fall klar: Hier hat jemand eindeutig die professionelle Distanz verloren.
Für den Prozess sind sieben Verhandlungstage angesetzt.
[SHZ - 28.04.2003]
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