FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Erfahrungsbericht / Jahrgang 2007

 

Dieses geistig kranke Kind will niemand aufnehmen

14-Jähriger greift Erwachsene an – Pflegefamilie fürchtet sich

 Von Christian Althoff

 

Bünde (WB). Seit 14 Jahren kümmert sich eine Familie aus Bünde (Kreis Herford) aufopferungsvoll um ein geistig behindertes Pflegekind. Jetzt allerdings ist die Familie mit ihrer Kraft am Ende: Der Jugendliche ist gewalttätig und lässt sich nicht mehr bändigen. „Aber Ämter, Kliniken und Behinderteneinrichtungen lassen uns im Stich“, klagt Pflegevater Peter S.

Pflegesohn Daniel ist heute 14 Jahre alt und bedarf ständiger Aufsicht. Der Jugendliche hat den Wissensstand eines Erstklässlers, kann gerade einmal Zahlen bis 20 addieren und subtrahieren und mit Mühe seinen Namen schreiben.

Maschinenschlosser Peter S. (50) und seine Frau Marlene (45) hatten zwei fünf und sieben Jahre alte Kinder, als sie Daniel 1993 im Alter von acht Monaten aufnahmen. „Er war untergewichtig, hatte einen kleinen Kopf und verweigerte die Nahrungsaufnahme mit dem Löffel, aber man sagte uns, das würde sich geben“, erinnert sich die Pflegemutter. Sie ahnte nicht, dass Daniel am „Fetalen Alkohol-Syndrom“ (FAS) litt: Er war mit einer schweren geistigen Behinderung, körperlichen Fehlbildungen und einem schweren Herzfehler zur Welt gekommen, weil seine Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hatte. So begann Daniel erst mit fünf Jahren zu sprechen.

„Schon im Kindergarten gab es Probleme“ erinnert sich Peter S. Immer wieder habe er den Jungen abholen müssen, weil er andere Kinder geschlagen und gebissen habe. „Bei so einem Kind erreicht man mit normalen Erziehungsmethoden nichts. Daniel kann eine Bestrafung nicht mit seinem Fehlverhalten verknüpfen.“

Auch zu Hause gab es Übergriffe. „Schwester“ Jennifer, die heute 18 Jahre alt ist: „Wir haben alles getan um Konfliktsituationen zu vermeiden, weil Daniel sonst ausgerastet wäre.“ Da Strafen bei dem Jungen nicht ankamen, entwickelte die Familie ein Belohnungssystem, um Daniel zu bändigen: Im Johannes-Falk-Haus in Hiddenhausen, einer Schule für geistig Behinderte, schrieb der Lehrer am Ende eines jeden Schultages „Zehn Cent“ in Daniels Heft, wenn er sich gut benommen hatte. Der Fahrer des Behindertenbusses machte dieselbe Eintragung, und auch die Eltern schrieben Daniel abends noch einmal zehn Cent gut, wenn der Tag einigermaßen reibungslos verlaufen war. „Auch wenn Daniel die Summen nicht addieren konnte – er begriff, dass er sich irgendwann den langersehnten MP3-Spieler kaufen konnte, wenn er sich unter Kontrolle behielt“, erklärt Pflegevater Peter S.

Unter Einsatz der ganzen Familie („Daniel durfte nie unbeaufsichtigt sein“) und erheblichem Verzicht („Wir haben nie Urlaub gemacht, weil Daniel in einer ungewohnten Umgebung ausgeflippt wäre“) schafften es Eltern und Geschwister, den geistig behinderten Jungen großzuziehen – „ohne Hilfe von außen“, wie Peter S. erzählt. Doch dann wurde Daniel 13 Jahre und zunehmend aggressiver: „Er griff sogar zwei Lehrerinnen an, die ein ähnlich gutes Verhältnis zu ihm hatten wie wir. Daniel war uns körperlich überlegen, und wir mussten uns eingestehen, ihn nicht länger bei uns zu Hause versorgen zu können“, sagt Pflegemutter Marlene S. Doch die Suche nach einem geeigneten Heimplatz wurde zu einer Odyssee, die bis heute andauert. „2004 hatten wir eine Zusage des Laibach - Hofes in Halle, aber als die Mitarbeiter Daniel sahen, sagte man uns ab“, erinnert sich die Pflegemutter. 2005 sollte Daniel in ein neues Wohnheim für geistig Behinderte aufgenommen werden, das der Wittekindshof gebaut hatte. „Trotz meiner Warnung wurde das Personal in der ersten Nacht, die Daniel dort schlafen sollte, nicht verstärkt“, sagte Peter S. Der Junge griff die Nacht-Schwester an und würgte sie, bis eine zufällig noch anwesende Pflegerin ihn wegzerren konnte. Am nächsten Tag musste Daniel das Heim verlassen.

Peter S. verbittert: „Daniel wurde weiter herumgereicht: Von der Kinderpsychiatrie Bad Salzuflen and die Inobhutnahmestelle des Kreises Herford, zurück nach Salzuflen, dann in die Jugendpsychiatrie Marsberg und schließlich wieder nach Bad Salzuflen.“ Dort ist Daniel derzeit untergebracht, um ihn auf ein beruhigendes Psychopharmakon einzustellen. Das wird noch etwa zwei Wochen dauern, aber dann will die Klinik Daniel wieder loswerden – wohin, ist ungeklärt. „Natürlich hängen wir an dem Jungen und sagen nicht einfach zu den Behörden: Ihr könnt das Pflegekind wiederhaben, wir haben Angst vor ihm. Wir möchten Daniel als Familienmitglied in der Nähe untergebracht wissen, um ihn weiter regelmäßig sehen zu können“, sagt Peter S. „Doch bei einer Krisensitzung Mitte Januar hat das Kreisjugendamt noch einmal gefragt, ob wir den Jungen nicht wieder zu uns nehmen könnten.“

Zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer hat sich in dieser Woche für die Familie aufgetan. Klaus Wöhler, Sprecher des Kreises Herford: „Wir sind im Gespräch mit einer Einrichtung im sauerländischen Schmallenberg, die Daniel möglicherweise aufnehmen wird.“ Die Pflegefamilie wäre froh, wenn das klappte, ist aber nicht optimistisch. Peter S.: „Ein normaler Heimplatz kostet 3.500 Euro. Für Daniels Versorgung will das Heim in Schmallenberg dagegen das Zwei- bis Dreifache haben. Ob das Jugendamt bereit ist, das zu zahlen?“

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Aktuelles Stichwort

FAS

Für die 3000 Kinder, die jedes Jahr in Deutschland mit dem „Fetalen Alkohol-Syndrom“ (FAS) zur Welt kommen, gibt es keine Heilung. „Ihre geistige Behinderung ist irreparabel“, sagt Dr. Rolf Muchow, Chefarzt der Kinderklinik am Kreisklinikum Herford. „Der Alkohol, den eine Schwangere trinkt, erreicht über die Plazenta das Kind.“ Dessen Leber könne das Gift noch nicht richtig abbauen, so dass der Alkohol ins Gehirn gelange und schwere Schäden anrichte. „Zusätzlich drohen weitere Komplikationen“, erklärt der Kinderarzt. Bei jedem zweiten FAS-Baby werde ein Herzfehler diagnostiziert. Typisch seien zudem Fehlbildungen des Kopfes und sehr schmale Lippen. Oft hätten die Kinder kein Schmerzempfinden. Mit Regeln des Zusammenlebens könnten sie aufgrund ihrer geistigen Retardierung nichts anfangen. Die Lebenserwartung von FAS-Betroffen sei allerdings nicht eingeschränkt. Dr. Muchow: „Sichere Erkenntnisse, welche Mindestalkoholmenge einem Ungeborenen schadet, gibt es nicht. Ich rate jeder Schwangeren, ganz auf Alkohol zu verzichten!“

 

 

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