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Leserbrief zur Diskussion um geschlossene Heime
Berliner Zeitung - 27. Jan. 1998
Die so dringend notwendige Diskussion um geschlossene Heime bzw. Heime mit geschlossenen Abteilungen gerät in Gefahr, zu einer polemischen Kontroverse zu verkommen, wie immer, wenn die Betroffenen nicht mitdiskutieren können.
Auf der einen Seite agieren die strammen Anwälte von Zucht und Ordnung, auf der anderen Seite die Väter und Mütter der Anti-Heim-Kampagne. Die einen ignorieren, daß institutionalisiertes Strafen mehr schadet als nützt, die anderen ignorieren, daß es Straßenkinder gibt, die sich aus den verschiedensten Gründen, meist aus emotionalen Deformationen, die ihnen in frühester Kindheit zugefügt wurden, allen gutgemeinten Beratungs-, Erziehungs- und Therapieangeboten entziehen, bis sie schließlich endgültig auf dem Strich landen oder drogenabhängig oder psychisch krank oder kriminell oder obdachlos oder rundum verwahrlost sind. Um diese Minderheit geht es, nicht um die vielen sehr schwierigen, aber doch auf freiwilliger Basis noch ansprechbaren Kinder und Jugendlichen.
Der Staat darf und muß jene unbewahrten Straßenkinder auch gegen ihren Willen, notfalls auch gegen den Willen ihrer Eltern, vor der Verwahrlosung schützen. Das fordert sein in der Verfassung verankertes Wächteramt. Die dafür notwendigen Gesetze liegen zum Teil schon vor und müssen teilweise noch ergänzt werden. Diejenigen, die ihre eigenen Kinder zur Schule, zum Zahnarzt und abends ins Bett zwingen, erscheinen unglaubwürdig, wenn sie unter der Freiheitsfahne andere Kinder verwahrlosen lassen.
Die Gefahr ist allerdings, daß geschlossene Heime zu Verwahr- und Strafanstalten pervertieren. Internationale Erfahrungen lehren jedoch, daß man dem durch eindeutig therapeutische Ausrichtung, entsprechende personelle Besetzung und gesundheitspolitische Fachaufsicht vorbeugen kann. Die Leitung eines solchen Heimes gehört in die Hände einer psychotherapeutisch erfahrenen Jugendpsychiaterin, und im pädagogischen Team darf niemand ohne therapeutische Zusatzausbildung mitarbeiten.
Prof. Dr. Kurt Eberhard, Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie
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