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Kindermissbrauch - immer häufiger taucht dieses Thema in den Medien auf. Im Widerspruch dazu fehlt es an einer "durchdachten Gesamtstrategie zur Weiterentwicklung von Kinderschutz": Diese Bilanz zog der Rechtswissenschaftler Ludwig Salgo am Mittwochabend auf einem Symposium zu Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. "Es muss eine Fehlerkultur entwickelt werden", forderte Salgo, der Professor an der Goethe-Uni ist. An systematischer Analyse des Fehlverhaltens mangele es Jugendämtern, Gerichten und Medizinern.
Kindeswohl könne es ohne Strafrecht nicht geben; es dürfe nicht, "wie in der Vergangenheit nur allzu häufig geschehen, mit der ,Überforderung' der Eltern erklärt und somit entsprechend gering bestraft werden", forderte Gerd Jacobi. Der emeritierte Professor war bis 1998 als leitender Kinderneurologe an der Uniklinik und hat jetzt ein Buch mit dem Titel "Kindesmisshandlung und Vernachlässigung" herausgegeben.
Jacobi beschäftigte sich während seiner Berufstätigkeit mit mehr als 230 misshandelten Kindern und vertrat viele von ihnen als sachverständiger Gutachter vor Gerichten oder Behörden. Dabei machte er die Erfahrung, "dass die Mehrzahl misshandelter Kinder keinen Fürsprecher, Anwalt oder Vertreter hat".
Misshandlungen erkannten "nur Geschulte", berichtete Brigitte Stöver, Leiterin der Abteilung Pädiatrische Radiologie an der Charité in Berlin. In den meisten deutschen Kinderkliniken und Praxen werde Kindermisshandlung eher unterdiagnostiziert, stellten auch andere Experten auf dem Podium fest. Gründe seien mangelnde Kenntnis der Krankheitsbilder und "fehlende Zivilcourage mancher Mediziner", betonte Jacobi. Ärzte scheuten sich, Eltern gegenüber den Verdacht auszusprechen und sich für das weitere Schicksal des betroffenen Kindes mitverantwortlich zu fühlen.
Stärkere Arbeitsbelastung, falschverstandene Dienstleistung und die Überbetonung des Elternrechts wurden als Gründe dafür genannt, dass Mitarbeiter von Jugendämtern Signale auf Misshandlungen übersehen.
Das interdisziplinäre Symposium der Kinderhilfestiftung und des Kinderschutzbund besuchten etwa 150 Zuhörer aus dem Kreis von Kinderärzten, Jugendamtsmitarbeitern und Familienrichtern. Ihren Fragen und Anmerkungen war zu entnehmen, dass es ein großes Bedürfnis nach intensiverem Austausch und der Vernetzung zwischen Vertretern der unterschiedlichen Disziplinen gibt. "Die Politik ist überfordert, wir müssen selbst eine Strategie entwickeln, um Kindermissbrauch vorzubeugen und gegebenenfalls einzugreifen", resümierte ein Mediziner aus der Kinderklinik.
FR, 10.10.08
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