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Günter Amendt hat »Die Legende vom LSD« aufgeschrieben. Amendt war Aktivist der Studentenbewegung, »einer von 2000 Chefideologen« des SDS. Er hat bei Adorno studiert und mit seinem Klassiker »Sexfront« (1970) erfolgreich gezeigt, wie emanzipatorisch Sexualaufklärung sein kann, wenn man sie nicht verkniffen-humorlosen Puritanern überläßt.
Als Motto Ihres Buches »Die Legende vom LSD« zitieren Sie den alten Acid-Head Tom Robbins: »Über die sechziger Jahre zu sprechen, ohne über ... LSD zu sprechen, heißt, sich eines höchst unredlichen Geschichtsrevisionismus schuldig zu machen.« Andererseits hat man den Eindruck, daß Sie mit Ihrem Buch dagegen anschreiben und die Droge entzaubern.
Mir ist erst während der Arbeit bewußt geworden, daß ich, ohne es je gewollt zu haben, an einem Beitrag zu dem von den Medien losgetretenen 68er Revival sitze. Schon früh war absehbar, daß dabei die Rolle von Drogen im allgemeinen und die von LSD im besonderen ignoriert werden würde. Viele der Protagonisten von damals, die ihren Weg nach oben gemacht haben, werden an diesen Aspekt der 60er Jahre nicht so gerne erinnert. Er trübt den Glamour jener Jahre. Ihnen wollte ich das Robbins-Zitat vorhalten, aber auch denen, die die Rolle von Drogen im allgemeinen und die von LSD im besonderen maßlos übertreiben.
»Legende« stimmt ja auch insofern, als LSD auf dem aktuellen Drogenmarkt keine große Rolle mehr spielt.
Das ist unbestreitbar, auch wenn in der Party-Szene weiterhin LSD vertrieben wird. Doch die meisten dieser unter dem Signum LSD angebotenen Trips sind Fakes. Die rückgängige Nachfrage führe ich unter anderem auf einen Wandel des Zeitgeistes zurück und die Erwartungen, die heute mit dem Konsum von Drogen verbunden werden. Der Geist der Zeit verlangt nach Wachsamkeit und Realitätstüchtigkeit. Spirituelle Reisen ins »innere All« stehen diesem Verlangen entgegen. Sie sind ein Luxus. Doch würde ich mich hüten, eine LSD-Renaissance grundsätzlich auszuschließen.
Weil die psychologische Betreuung von traumatisierten Irak-Kriegsveteranen sehr kostspielig ist, wird LSD in seiner ursprünglichen Funktion wiederentdeckt – als wirksames und noch dazu wohlfeiles Medikament. Deshalb wird gerade das Forschungs- und damit also auch das Produktionsverbot ausnahmsweise aufgehoben ...
Bei den verschiedenen Forschungsprojekten, die in der Schweiz, in Israel und in den USA angelaufen sind bzw. kurz vor ihrer Genehmigung stehen, handelt es sich de facto um Evaluationsstudien, die überprüfen sollen, ob die positiven Berichte über Heilerfolge vor dem Verbot zutreffend, also wiederholbar sind. Denn mit dem Verbot Mitte der 60er Jahre mußten ja nicht nur alle Therapien, sondern auch alle Forschungsprojekte abgebrochen werden.
Wie kann LSD als Medikament überhaupt eingesetzt werden?
Als therapeutisches Hilfsmittel. Weil die Droge, so die Hypothese, Menschen in die Lage versetzt, »Kindheitserinnerungen zu aktivieren und Traumatisierungen in außerordentlicher Klarheit zu erkennen«, verschafft sie dem Therapeuten Einblicke in die biochemischen Vorgänge bei einer zeitlich begrenzten Psychose. Um diese »Modellpsychose« auszulösen, erhält der Klient oder Patient eine vom Therapeuten festgelegte Dosis. Wenn der Trip seinen Höhepunkt überschritten hat und langsam abklingt, greift der Therapeut ein und bearbeitet die zurückliegende Erfahrung gemeinsam mit dem Klienten. Ob das ohne Neben- und Folgewirkungen funktioniert, ist offen.
Sie bewerten diese Entwicklung nicht uneingeschränkt positiv?
Im Verlaufe der vielen Jahre, in denen ich mich mit Drogen beschäftige, bin ich Psychiatern und Psychologen begegnet, denen ich jederzeit zutraue, verantwortungsvoll mit LSD umzugehen, einmal unterstellt, die Hypothese ist verifizierbar und das Ganze funktioniert ohne gravierende Nebenwirkungen. Angesichts der steigenden Pharmakologisierung des Alltags, für die Ärzte eine erhebliche Verantwortung tragen, fürchte ich jedoch, daß die Droge dann auch in die Hände von ärztlichen Scharlatanen und geldgierigen Wellnesstherapeuten gerät und Schaden verursachen wird. Bei all diesen Abwägung müssen wir uns aber immer bewußt sein: Die Droge ist in der Welt. Rückruf ausgeschlossen.
Sie zitieren Ronald Steckel, der von einem »alchemistischen gesellschaftlichen Massaker« sprach, das der sogenannte LSD-Papst Timothy Leary und dessen Gefolgsleute in Gang gesetzt hätten. Doch war nicht nach dem LSD-Verbot 1966 und dem sich anschließenden »Krieg gegen Drogen« der US-Regierung auch eine Menge Greuel-Propaganda im Umlauf?
Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, betonte immer, daß es seines Wissens nicht einen einzigen dokumentierten Todesfall als direkte und unmittelbare Folge der Einnahme von LSD gibt. Das mag so sein. Todesfälle, bei denen LSD in Kombination mit anderen Substanzen im Spiel war, sind dagegen bekannt. Auch soll es bei den Versuchen der US-Army und der CIA, die nach heutiger UN-Definition als Folter zu bewerten sind, Todesfälle gegeben haben. Das »alchemistische Massaker«, von dem Steckel etwas pathetisch spricht, bezieht sich weniger auf Todesfälle, als auf irreversible psychische Defekte als Folge eines oft maßlosen LSD-Gebrauchs unter Mißachtung aller Spielregeln.
Gibt es Erhebungen oder Schätzungen über die Zahl der Opfer?
Da muß ich passen. Solche Zahlen und solche Erhebungen gibt es nicht. Die Greuel-Propaganda, das ist klar, hat ihre Spuren im kollektiven Bewußtsein hinterlassen. Ich kann Ihnen nur meine persönliche Einschätzung mitteilen: Ich gehe davon aus, daß die Zahl der Opfer sehr viel geringer ist, als der Mann und die Frau auf der Straße aber auch Teile der Fachöffentlichkeit gewöhnlich unterstellen. Um die Risiken nach wissenschaftlichen Maßstäben abwägen zu können, müßte man die Opferzahl ins Verhältnis zur Gesamtzahl aller Konsumeinheiten und Konsumenten setzen, die ohne Schaden zu nehmen LSD geschluckt haben. Doch auch diese Zahl ist nicht ermittelbar.
Eine LSD-Erfahrung kann, wenn auch nur vorübergehend, einen Menschen aus der Bahn werfen. Diesem Risiko ist nur zu begegnen, indem man die Verantwortung gegenüber sich selbst wahrnimmt. Deshalb müssen die Risiken, soweit sie bekannt sind, klar benannt werden. Das jedenfalls war meine Maxime beim Schreiben.
Günter Amendt: Die Legende vom LSD. Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 2008, 141 Seiten, 12,90 Euro
Junge Welt, 16.7.
s.a.
http://www.zweitausendeins.de/artikel/buecher/nur_bei_uns/?ArticleFocus=0&show=200337
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