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Im Mordprozess gegen die Eltern der verhungerten Lea-Sophie haben die Ankläger gestern eine Mitschuld des städtischen Jugendamtes verneint. Staatsanwalt Wulf Kollorz warf Stadtpolitikern darüber hinaus vor, die Tragödie der Fünfjährigen politisch instrumentalisiert zu haben. Die Fraktionen reagieren mehrheitlich empört.
SCHWERIN - "Das städtische Jugendamt trifft keine Mitschuld am Tod von Lea-Sophie", sagte Staatsanwalt Jörg Seifert gestern im Mordprozess gegen die Eltern des im November 2007 verhungerten Mädchens. Selbst wenn die Behörde nach Hilferufen des Großvaters mit einem Hausbesuch bei der jungen Familie reagiert hätte, wäre das Schicksal des Mädchens davon unberührt geblieben, weil die Jugendamtsmitarbeiter zu diesem Zeitpunkt kein in seinem Wohl gefährdetes Kind vorgefunden hätten, so Seifert.
Dessen Kollege Wulf Kollorz nannte Vorwürfe gegen das Jugendamt "absurd" und sprach mit Blick auf die von Lea-Sophies Tod in Schwerin ausgelöste politische Krise, die in der Abwahl von Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) gipfelte, von "zweifelhaften Charakteren, die sich nicht zu schade waren, mit einer Kinderleiche Kommunalpolitik zu machen."
"Wir bleiben dabei, dass Lea-Sophie noch leben könnte, wenn die Verwaltung sachgerecht gearbeitet hätte", sagt Linke-Fraktionschef Gerd Böttger. Dieses Fazit hatten - bis auf Vertreter der Fraktion CDU/Liberale - bekanntlich sämtliche Mitglieder des städtischen Untersuchungsausschusses gezogen, in dem alle Fraktionen vertreten waren. Sicher habe es in der Debatte "einige Überspitzungen" gegeben, sagt Böttger, fügt aber hinzu: "Die Schweriner haben Claussen unbeeinflusst von Politik und Medien auch wegen seiner Rolle im Fall Lea-Sophie abgewählt."
"Vor dem Hintergrund der vorliegenden Gefährdung des Kindeswohls hat das Jugendamt im Fall Lea-Sophie eklatante Fehler gemacht und nicht angemessen gehandelt", sagt Silvio Horn, Fraktionschef der Unabhängigen Bürger. Von der Staatsanwaltschaft hätte er erwartet, "das staatliche Wächteramt im Plädoyer zu stärken, anstatt an dessen Notwendigkeit und Berechtigung Zweifel zu säen." Die Äußerung von Wulf Kollorz habe mit Objektivität "nichts zu tun" und sei eine "grundlose Beleidigung" des Ehrenamtes, so Horn.
SPD-Fraktionschefin Manuela Schwesig: "Mehrere unabhängige Untersuchungen von Experten haben ergeben, dass es Mängel und Fehler in der Arbeit des Jugendamtes gab. Unser Ziel war es, diese zu beheben. Die strafrechtliche Bewertung obliegt allein der Justiz."
"Wie kommt die Staatsanwaltschaft dazu, die stadtinterne Aufarbeitung in den Mordprozess um die Schuld der Eltern einzuführen?", fragt der bündnisgrüne Fraktionschef Manfred Strauß. Das Jugendamt trage keine strafrechtliche Schuld am Tod von Lea-Sophie, sehr wohl aber politisch-strukturelle.
Lediglich die CDU sieht sich durch die Staatsanwaltschaft bestätigt: "Wir haben stets betont, dass erst deren Abschlussbericht abgewartet werden muss", so Fraktionsvorsitzender Gert Rudolf. Dass der Tod von Lea-Sophie instrumentalisiert worden sei, um eine Kampagne gegen Norbert Claussen einzuleiten, sei "unbestritten".
NNN, 11.7.
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