FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Diskussion / Jahrgang 2008

 

"Riskid": Frühwarnsystem
für Kindesmisshandlungen ist bedroht

 

von Alfons Winterseel

Duisburg. Das Frühwarnsystem "Riskid" ist bedroht. Denn das Gesetz stellt derzeit den Datenschutz vor den Kinderschutz. Die Duisburger Ärzte, die die "Risikokinder Informationsdatei" mitentwickelt haben, wollen trotzdem weitermachen.

Sie können sich nicht wehren, sie können sich nicht helfen, sie können noch von Glück reden, wenn es jemand bemerkt: misshandelte Kinder. Hier ein blauer Fleck, da ein gebrochener Arm, fadenscheinige Erklärungen beim Kinderarzt, aber nichts Konkretes, das den Mediziner veranlassen könnte, das Jugendamt zu benachrichtigen.

Er verschreibt eine Salbe, versorgt den gebrochenen Arm, dann verschwindet der kleine Patient aus seinem Blickfeld. Einige Monate später taucht das Kind bei einem anderen Arzt auf. Wieder ein blauer Fleck, vielleicht auch wieder ein gebrochener Knochen. Wieder fadenscheinige Erklärungen, wieder nichts Konkretes, um das Jugendamt zu benachrichtigen. "Ärzte-Hopping" nennt man dieses Verhalten von Eltern, die so verhindern, dass die Misshandlungen auffallen.

Frühwarnsystem für Kindesmisshandlungen seit einem Jahr
Deshalb entwickelte der Duisburger Kriminalhauptkommissar Heinz Sprenger gemeinsam mit dem Kinderarzt Dr. Ralf Kownatzki die Datenbank "Riskid", die "Risikokinder Informationsdatei". Seit fast einem Jahr gibt es dieses Frühwarnsystem für Kindesmisshandlungen u.a. in verschiedenen Städten im Ruhrgebiet. Sie wird viel gelobt, doch jetzt sagt der Bochumer Professor für Öffentliches Recht, Stefan Huster, in einem Gutachten: "Riskid" ist illegal.

Empörung überall: bei den Lesern der WAZ wie beim Vorsitzenden der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, ebenfalls Jurist. Er empfiehlt den Ärzten, sich nicht beirren zu lassen: "Den Kinderärzten in Duisburg raten wir dringend, das Projekt weiterzuführen. Unser Rechtssystem kennt neben der ,Nothilfe' den sogenannten ,übergesetzlichen Notstand', der dann zum Tragen kommt, wenn zur Abwendung einer erheblichen Gefahr für Leib und Leben gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen werden muss." Im Klartext heißt das: Um die Kinder zu schützen, ist die Datei zwar nicht legal, aber gerechtfertigt.

Was nun, Dr. Kownatzki?
"Wir machen weiter wie gehabt", stellt der Gründer sich in den Gegenwind. "Wir haben ein grundsätzliches Problem mit der Schweigepflicht, denn zur Zeit können wir nur Informationen an das Jugendamt weitergeben, wenn die Misshandler damit einverstanden sind. Hier muss es dringend eine gesetzliche Änderung geben", fordert er.

Der Mediziner, der seine Praxis hinter dem alten Rathaus im Duisburger Stadtteil Hamborn hat, steht nicht alleine da. Um eine Gesetzesänderung bemüht sich auch der Bund deutscher Kriminalbeamter (BDK). Schließlich kam die Idee für "Riskid" aus seinen Reihen. Um die juristische Sachlage zu klären, wurde vom BDK ein Gutachten in Auftrag gegeben - eben jenes von Stefan Huster, in dem zwischen den Zeilen steht, dass die Politik gefordert ist.

Auch in Berlin unterstützt man die Idee
Der Duisburger Bundestagsabgeordnete Hans Pflug (SPD) nahm Kontakt mit Justizministerin Brigitte Zypris auf: "Ich bin optimistisch, dass wir jetzt zu einer rechtlichen Lösung im Sinne der Kinder kommen." Bis dahin haben die beteiligten Kinderärzte zur Zeit nur eine Möglichkeit, sich juristisch zu schützen. Dr. Ralf Kownatzki: "Wir behelfen uns damit, dass wir uns von allen Eltern von der Schweigepflicht entbinden lassen."

Auf der Basis einer rechtlichen Grundlage könnte "Riskid" bundesweit helfen, Kindesmissbrauch frühzeitig zu entdecken und einzuschreiten. Das versuchen derzeit Kinderärzte, die sich zu lokalen Netzwerken in Duisburg, Oberhausen, Mülheim, Wuppertal, Bonn und Salzgitter zusammengeschlossen haben. Doch auch das ist noch nicht "die" Lösung: "Der Kinderarzt in Oberhausen erfährt nichts über Fälle vom Kinderarzt in Duisburg", weiß Initiator Kownatzki um die Schwächen der Netzwerke. Auch deshalb sei eine bundesweite Informationsdatei notwendig, die er aber lieber als "Diagnose im Team" betrachtet.

"Eigentlich laufen wir mit ,Riskid' überall offene Türen ein", zeigt sich der Kinderarzt optimistisch. Auch bei den Eltern in seiner Praxis in Hamborn: 2500 haben allein in seiner Praxis unterschrieben, dass sie ihn von der Schweigepflicht entbinden. "Im Interesse der Kinder muss etwas geschehen", sagt er unbeugsam.

So sieht das auch der Leiter des Duisburger Jugendamtes, Thomas Krützberg: "Kinderschutz muss über Datenschutz gehen. Die Duisburger Kinderärzte haben hier ein System installiert, auf das ich nicht mehr verzichten möchte. Und Frühwarnsysteme kann es beim Kinderschutz gar nicht genug geben."

WAZ 03.07.2008

 

 

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