FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Diskussion / Jahrgang 2008

 

„Schnell helfen, kompetent eingreifen“

Kindesmisshandlung: Vortrag der Rechtsmedizinerin Bianca Navarro
im Landratsamt: „Ich will, dass Sie hinsehen“

 

DARMSTADT-DIEBURG. Rund 700 000 Kinder sind in Deutschland jährlich Opfer sexuellen Missbrauchs, schätzt der Kinderschutzbund. „Die Dunkelziffer ist hoch, nur etwa 15 000 Fälle werden polizeilich erfasst“, sagte Bianca Navarro. Die Rechtsmedizinerin aus Mainz referierte im Landratsamt zum Thema Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung von Kindern.

Ihr Vortrag ging unter die Haut. Navarro holte das Leid der betroffenen Kinder mit Fotodokumentation dicht heran. „Ich will, dass Sie hinsehen. Es ist nachweislich so, dass ein misshandeltes Kind sechs Menschen von seinem Leid erzählt, bevor der Siebte ihm glaubt“, sagte sie.

Genitalaufnahmen missbrauchter Säuglinge und Kleinkinder, Hämatome, Risse und Narben, blaue Flecken, Striemen und Verbrühungen lösten tiefe Betroffenheit aus. Im Publikum saßen neben Erziehern und Sozialpädagogen Vertreter des Jugendamts, Familienrichter, Ärzte und Polizisten. „Wir müssen gemeinsam ein schützendes Netzwerk schaffen, um den Kindern zu helfen. Dabei geht es darum, nicht vorschnell zu urteilen, sondern kompetent einzugreifen“, unterstrich Navarro.

Mit Förderung durch das Innenministerium Rheinland-Pfalz untersucht Navarro seit 2007 in der Forensischen Ambulanz Mainz Untersuchungen an rund 300 Kindern jährlich, bei denen Verdacht auf Misshandlung oder Missbrauch besteht. Die Untersuchung ist kostenfrei, falls notwendig, erstellt Navarro ein unabhängiges Gutachten, das gerichtlich verwertbar ist. „Ich will Haus- und Kinderärzte sowie Gynäkologen bei der Erstellung einer Diagnose unterstützen. Die Fragestellung, die hinter meiner Arbeit steht, lautet: wie konnten bestimmte Verletzungen entstehen, und entspricht die Darstellung der Eltern der Wahrheit“, erklärte sie.

Es brauche Erfahrung, um Spuren sexuellen Missbrauchs zu erkennen, denn es gebe keinen zwingenden körperlichen Befund, legte Navarro da. Eindeutig seien etwa Narben, genitale Bissverletzungen, Spermaspuren, oder Geschlechtskrankheiten.

„Erziehern und Lehrern lege ich ans Herz, Verhaltensauffälligkeiten genau zu beobachten. Distanzlosigkeit, sexualisiertes Verhalten, gestörtes Essverhalten und Rückfall in Kleinkindbenehmen können Anzeichen sein“, sagte Navarro. Stutzig machen sollten abstruse Schutzbehauptungen als Erklärung für blaue Flecken, Striemen oder gar Verbrennungen. Da hieße es etwa, das Kind laufe ungeschickt und falle immer hin, es habe am heißen Herd gespielt oder sich an der Heizung verbrannt.

„Brandstellen von Zigaretten sind kreisrund und haben acht bis neun Millimeter Durchmesser, Hämatome im Oberschenkelbereich entstehen nicht durch einen Sturz, und kein Kind bleibt freiwillig in 60 Grad heißem Wasser“, sagte Navarro. Sie fasste zusammen: „Man braucht nur gesunden Menschenverstand, um Lügen zu entlarven. Fragen Sie gezielt bei den Eltern nach, und scheuen Sie sich nicht, das Jugendamt einzuschalten.“

„Bei Missbrauch und Misshandlung besteht immer Wiederholungsgefahr. Jeder Mensch, der ohne Führerschein Auto fährt, wird bestraft – aber längst nicht jeder, der seinem Kind die Arme bricht. Dagegen brauchen wir ein funktionierendes Netzwerk.“

Echo online, 20.5.2008

 

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