FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Diskussion / Jahrgang 2008

 

Gina Graichen und das Kommissariat
 gegen Kindesmisshandlung

 

Ein Kripo-Büro in der Keithstraße. Groß, hell, offene Türen, ein überladener Schreibtisch, zwei Kaffeemaschinen. Zwischen Uhr und Bildern irgendwo an der Wand ein Zettel: "Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen." Die Atmosphäre ist irritierend - ja: fröhlich.

Gina Graichen, Erste Kriminalhauptkommissarin, Leiterin LKA 125, Kommissariat "Misshandlung v. Schutzbefohlenen, Verletzung d. Fürsorge- und Erziehungspflicht, Abtreibungsdelikte": "Wir sind eine sehr lustige Truppe. [Wir suchen uns schon unsere Nischen.] Wir lachen sehr viel und gerne, wenn’s passt, wir können aber ganz genau so auch traurig sein."

"Wir" ist das LKA 125, [ein Kommissariat im Landeskriminalamt Berlin,] und Gina Graichen ist seine Leiterin. Hier wird ein Dunkelfeld aufgehellt, das zum Düstersten zählt, was die Republik zu bieten hat: Kindesmisshandlung. Grund zum Traurigsein haben sie täglich, die sechs Männer und die dreizehn Frauen, die hier ermitteln, vernehmen, gerichtsfeste Berichte verfassen. Manchmal verlangt der Job eine fast übermenschliche professionelle Distanz. Weinen Sie vielleicht auch?

Gina Graichen: "Ja, das haben wir auch schon mal. Das war der Fall 2002, in dem furchtbaren Jahr, als der kleine Junge vom Lebensgefährten der Mutter totgeschlagen wurde."

Von November 2001 bis Februar 2002 gab es in Berlin alle drei Wochen ein neues totes Kind.

Gina Graichen: "Und Jannek, um den’s hier geht, das war glaub ich das vierte oder fünfte Kind, kam zu einem ganz üblen Zeitpunkt für uns, weil wir am Ende waren von dem, was wir gesehen und erlebt hatten, kurz zuvor war Alisan-Turan in der Wohnung verhungert, von der Mutter zurückgelassen worden, und da liefen wir also schon auf dem Zahnfleisch."

Jannek, ein zweieinhalbjähriger Junge, geprügelt, getreten, gebissen, eiskalt abgeduscht, mit heißem Essen übergossen, gezwungen, seinen Urin vom Boden zu lecken. Systematisch gequält von einem jungen Sozialpädagogikstudenten, der auch die Mutter und die Geschwister zwang, auf den Kleinen einzuboxen.

Gina Graichen: "Wenn man dann die Aussagen der Beteiligten hört, die das eigentlich gar nicht so ernst gesehen haben, auch gesagt haben: Ja, also, Kinder brauchen eine starke Hand, man muss einen ganzen Mann aus dem Jungen machen, da wird man etwas unwirsch, um es mal so auszudrücken."

Aber das war immer noch nicht alles, was ihnen an den Nerven zerrte. Der Täter hatte seine "pädagogisches" Programm gegen Jannek obendrein fotografisch dokumentiert.

Gina Graichen: "Und diesen Film haben wir dann gefunden. Und kurz bevor das hier berichtsmäßig zu Ende war, kamen die entwickelten Bilder, und das hat mich damals wirklich so mit voller Wucht getroffen, dass ich wirklich spontan – gar nicht mehr aufhören konnte zu heulen. Ich habe die Bilder dann an meine Kollegen weitergegeben, hier auf den Tisch gelegt, und es ging eigentlich allen gleich so. Das sind Momente."

Sehr seltene Momente, deren emotionale Wucht aber im Gedächtnis bleibt.

Gina Graichen: "Fällt dieser Name, merke ich sofort Anspannung. Und wir kucken uns alle an und wissen eigentlich alle ganz genau, was der andere denkt."

Gina Graichen, Jahrgang 1955, seit 1975 bei der Kripo, geht nach fünf Jahren in einem Mobilen Einsatzkommando 1984 zur "Kinderkacke". So wurde die Dienststelle noch bis vor wenigen Jahren polizeiintern bespöttelt. Heute ist sie über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Was ihre Dienststelle aufzuklären hat, ist - außer der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht und der Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen bis sechzehn, außer Straftaten im Zusammenhang mit Abtreibungen - die Misshandlung aller Schutzbefohlener. Auch erwachsener: nämlich kranker, behinderter oder einfach alter Menschen, die nicht für sich sorgen können, die wehrlos darauf vertrauen können müssen, dass ihnen nichts angetan wird, ob in der Familie oder in Heimen. Gequälte, geschundene Kinder allerdings machen den größten Teil der Arbeit aus.

Gina Graichen: "Die Tötungsdelikte sind glücklicherweise – da muss ich aber auf Holz klopfen – in Berlin relativ zurückgegangen. Solche Fälle wie jetzt Patrick, Kevin, Lea-Sophie, so was hatten wir glücklicherweise jetzt eine ganze Zeit lang nicht."

Was sie haben, sind dramatisch gestiegene Fallzahlen "unterhalb der Tötungsschwelle". Allein die Kindesmisshandlungen stiegen von 2002 bis 2005 von 400 auf 472 und 2006 auf 563. Die Zahl für 2007 ist noch nicht offiziell, aber die Tendenz ist weiter steigend. Und das ist paradoxerweise ein gutes Zeichen.

Gina Graichen: "Wenn ich so zurückblicke auf die Zeit, die ich hier arbeite – und das ist schon eine ganze Weile -, ist in den letzten vier Jahren eigentlich mehr passiert als in den ersten fünfzehn Jahren, in denen ich hier gearbeitet habe. Also, das muss man deutlich mal hervorheben."

Passiert ist zum Beispiel Prävention der besonderen Art.

Gina Graichen: "Es ist natürlich schwachsinnig, an Kinder heranzutreten. Also, das, was man mit Prävention eigentlich will, kann man in dem Bereich nicht erreichen. Und dann sind wir darauf gekommen: Wir müssen an das Umfeld der Kinder heran, denn das sind die Einzigen, die noch ’n Einblick haben, die hören, was in den Wohnungen los ist, und wir haben eben auch festgestellt, dass gerade Nachbarn immer sehr viel mitbekommen, aber irgendwie nicht wussten, wo sie mit ihrem Wissen hin sollen. Und das hat uns dazu gebracht zu sagen: OK, dann werden jetzt Plakate gemacht, eigentlich für die Öffentlichkeit um Kinder herum, die dann sagen: Gut, wenn ich jetzt was habe, dann kann ich da und da anrufen, ich muss mich namentlich nicht melden und kann aber sicher sein, dass es nicht untergeht."

Das LKA 125 ist nicht nur bundesweit das einzige Spezialkommissariat zur Bekämpfung solcher Verbrechen, es betreibt auch die vermutlich offensivste Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Und Gina Graichen ist deren Gesicht. Sie koordiniert, dass seit 2004 Plakate in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln hängen, sie schultert den Promi-Hype, geht ins Fernsehen, ins Radio, lässt sich interviewen und porträtieren, zur "Frau des Jahres 2005" küren, mit dem "Prix Courage" und dem Berliner Landesorden beladen, von Eva Luise Köhler und Klaus Wowereit belobigen - und sorgt damit auch dafür, dass ihre Truppe in Ruhe weiterarbeiten kann.

Gina Graichen: "Wir haben soviel erreicht in der letzten Zeit, dass eben auch drüber geredet wird, dass es nicht totgeschwiegen wird, das ist ja nun unser Anliegen eigentlich seit die Plakate raus sind, zu sagen: Ich behalt’s nicht für mich, da muss was passieren, das haben wir geschafft, da bin ich mir 100pro sicher. Und je mehr wir aufklären – bedeutet natürlich auch viel mehr Arbeit, das ist klar -  aber je mehr die Leute anzeigen, desto mehr wird auch aufgedeckt."

Das ist der Erfolg, um den es geht. Denn Öffentlichkeit, die den Kopf nicht in den Sand steckt, sondern hinsieht, hinhört, handelt, sind nicht nur Nachbarn - Öffentlichkeit sind auch Ärzte, Kita-Erzieher, Lehrer. Und Jugend- und andere Ämter, die eigene Behörde, schließlich die Politik. Der große Rest ist zähe, stille, unsichtbare Arbeit von Leuten, die auch ihr Wochenende brauchen, um wieder aufzutanken, aber jederzeit zum Einsatz aus dem Familienleben gerissen werden können, die selbst Kinder haben - Gina Graichen hat zwei Töchter - und überhaupt ganz normale Probleme.

Gina Graichen: "Ja klar, (lachend) ich hab’n vollen Haushalt zu erledigen, ja klar, also, das muss man dann eben auch liegen lassen. Das heißt aber auch, wenn ich dann anrufe und sage: habt ihr Zeit? Dann sind die auch alle da. Und das ist eben Motivation pur, und solche Leute braucht man hier, und wenn man die nicht hat nützt die beste PR nichts."

"Ich sag das eigentlich immer wieder ganz gerne: Hier arbeitet ein Haufen Verrückter. Anders kann man es nicht bezeichnen. Denn das sind alles Leute, die freiwillig hier arbeiten, die auch sehr wohl einen Sinn darin sehen, Kindern zu helfen, denen eben die eigenen Eltern nicht helfen [können, weil sie’s nicht wollen], die eigentlich immer abrufbereit sind, auch wenn sie noch so viel zu tun haben - wenn das Telefon klingelt, und es wird ein neuer Fall gemeldet, dann sind alle wieder dabei, und dann ist auf einmal hier die Hölle los."

rbb

 

 

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