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Alle ahnen, dass ein Kind in Gefahr ist, aber keiner unternimmt etwas. Damit das in Augsburg nicht passiert, wird im Jugendamt eine neue Stelle geschaffen, eine Art "Feuerwehr", die bei Hinweisen sofort reagiert, zu der Familie geht und entscheidet, was getan werden muss - bis dahin, dass man Eltern das Kind wegnimmt. Damit soll der Allgemeine Sozialdienst entlastet werden, bei dem einzelne Mitarbeiter sich so überlastet fühlten, dass sie "Hilferufe" an Stadträte richteten.
Die Schreiben stammen, wie gestern im Organisations- und Personalausschuss bekannt wurde, vor allem aus der Region Nord-West. Diese gilt aufgrund der prekären Bevölkerungsstruktur als besonders sensibel. "Das Jugendamt ist brutal gebeutelt", sagte gestern auch Sozialreferent Dr. Konrad Hummel im Gespräch mit unserer Zeitung. Oft seien es junge Eltern, die aufgrund ihrer Lebensumstände, Wohnverhältnisse und teilweise Suchtprobleme mental und organisatorisch überfordert sind, keine Ahnung vom Umgang mit Kindern haben und sie, um sie zur Ruhe zu bringen, schütteln oder stoßen - ohne Bewusstsein für die schlimmen Folgen. Schreckliche Fälle wie der des zu Tode geprügelten Kevin in Bremen sensibilisieren die Menschen: In Augsburg stiegen die Hinweise auf Kindesmisshandlungen seit 2005 um fast 50 Prozent. Bereits vor einem Jahr wurde daher außerdem ein Leitfaden festgelegt, wie bei einem solchen Verdacht vorzugehen ist. So soll vermieden werden, dass sich jemand vor Verantwortung drückt oder es Zuständigkeitslücken gibt.
Auch andere Projekte wurden in die Wege geleitet. So suchen im Josefinum Sozialpädagoginnen Mütter auf, die labil wirken. In Lechhausen soll im März ein Pilotprojekt starten, bei dem geschulte Fachleute mit "Baby-Willkommenspaketen" bei Familien mit Neugeborenen vorbeischauen.
Die zusätzliche "Kinderschutz-Feuerwehr" lässt sich die Stadt 44 000 Euro im Jahr kosten. Der Allgemeine Sozialdienst hat zur Zeit etwa 30 Stellen für die laufende Arbeit im gesamten Stadtgebiet. Die neue Stelle ist vor allem für Ad-hoc-Einsätze für den unmittelbaren Schutz des Kindes gedacht - ein sensibler und verantwortungsvoller Posten, zumal das Augenmerk der Öffentlichkeit groß ist.
Die Stadträtin Lieselotte Grose brachte es in der gestrigen Ausschusssitzung auf den Punkt: "Die schwierigste Sache ist es, einer Familie das Kind wegzunehmen. Geschieht es zu früh, ist die Aufregung in der Bevölkerung groß. Geschieht es zu spät, ist die Aufregung ebenfalls groß."
Augsburger Allgemeine, 1.2.
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Kurzkommentar: Stadträtin Grose hat recht: Zu frühe Herausnahmen erregen genauso Empörung wie zu späte und beide sind nicht ganz zu vermeiden. Wie kommt es aber, dass die zu späten sehr viel häufiger sind als die zu frühen? In den 28 Jahren unseres Therapeutischen Programms für Pflegekinder (TPP) hatten wir bei keinem einzigen den Eindruck, dass es zu früh herausgeholt wurde, aber bei den meisten, dass ein früherer Zeitpunkt dem Kindeswohl mehr gedient hätte. Für die Jugendämter muß das Kindeswohl die Leitlinie sein, nicht das Ausmaß der öffentlichen Empörung. Aus der Bindungsforschung wissen wir doch, dass es für die Tiefe der Traumatisierung und die Heilungschancen in einer heilpädagogischen Pflegefamilie einen großen Unterschied macht, ob ein Kind 3 oder 5 Jahre vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht wurde. Kurt Eberhard, Febr. 2008
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