FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Diskussion / Jahrgang 2007

 

Kinder schützen

 

In Schwerin ist ein fünfjähriges Kind verhungert. Die Eltern sahen ihm dabei zu. Um zwei Hunde, wohlgenährte Tiere, kümmerten sie sich vorbildlich. Die Stadt kündigt einen Untersuchungsbericht an. Sie will klären, ob und wie das Jugendamt versagte. Das ist das Mindeste. Aber es macht Lea-Sophie nicht wieder lebendig. Und es wird nicht verhindern, dass in Deutschland schutzlose Kinder weiter leiden und sterben müssen. Weil Eltern versagen. Weil Nachbarn wegschauen. Weil Behörden nicht durchgreifen.

Warum sieht niemand hin, wenn Mütter und Väter ihren Nachwuchs zu Tode vernachlässigen und misshandeln? Die Ursachen sind vielfältig, aber in der aktuellen Kinderschutzdebatte nicht immer richtig sortiert und gewichtet. Natürlich ist die Arbeitsbelastung in der Jugendhilfe groß. Doch selbst in Schwerin, wo jeder Mitarbeiter sich um 150 Problemfälle kümmern muss, erschien das Opfer gleich mehrfach auf dem Kontrollradar. Der entscheidende Fehler: Die Verantwortlichen beharrten nicht darauf, Lea-Sophie auch zu Gesicht zu bekommen. Sie glaubten den Eltern, dass es ihr gut gehe. Die Unschuldsvermutung ist in der Jugendhilfe weit verbreitet. Sie verhindert rechtzeitiges Eingreifen. Die Familie gilt als Ort, an dem ein Kind noch stets am besten aufgehoben ist. Als Schutzraum, den jedes unbefugte Eindringen zerstören könnte.

Die Frage ist nur: Wer ist hier eigentlich schutzbedürftig – die Eltern oder das Kind? Die Jugendämter müssen sich entscheiden. Sie müssen begreifen, dass ihre Problemklientel sich rasant verändert, dass viele Mütter und Väter seelisch verwahrlosen. Viele wissen nicht, wie man für Kinder sorgt. Wissen nicht, dass man eigene Bedürfnisse zurückstellen muss. Besonders im Zusammenspiel mit niedriger Bildung, Arbeitslosigkeit, sozialer Isolation sowie Suchtkrankheiten folgen daraus Überforderung und Frust, die die Familie zu einem gefährlichen Ort für Kinder werden lässt. In ihrem Interesse muss gelten: Besser einmal zuviel eingreifen als zuwenig. Die Zeit der Arglosigkeit ist vorbei.

Allerdings stehen nicht allein die Jugendämter in der Pflicht. Auch die Gesundheitsämter sind gefragt. Wo immer Hinweise auflaufen, dass Kinder bedroht sind, müssen Alarmglocken schrillen und Taten folgen. Häufig schieben Ämter die Verantwortung hin und her. „Die meisten Kinder kommen durch Systemversagen zu Tode“, urteilt Peter Lukasczyk, Abteilungsleiter im Jugendamt Düsseldorf. Man rede zu wenig miteinander und vertraue darauf, dass andere schon handeln werden. Lukasczyk ist Mitbegründer eines bundesweit vorbildlichen Frühwarnsystems. Diverse Ämter unterhalten eine ständige Fallkonferenz, bei der schon Geburtskliniken und Hebammen mitsprechen. Ziel ist, Problemfamilien zu erkennen, schon bevor ernste Probleme überhaupt auftauchen. Sind sie einmal identifiziert, koordiniert die Fallkonferenz entsprechende Hilfen und verordnet regelmäßige Hausbesuche. Notfalls so lange, bis eine Tageseinrichtung die Beobachtung der Kinder übernimmt.

Immerhin: Landauf, landab gibt es inzwischen eine Vielzahl ähnlicher Vorhaben. Fast alle befinden sich noch im Projektstadium. Wie im föderalen System der Bundesrepublik üblich, muss das Rad gleich mehrfach neu erfunden werden. Auch deshalb kann von einer flächendeckenden Versorgung wohl noch lange keine Rede sein. Aber selbst wenn es einmal so weit sein sollte – einen lückenlosen Kinderschutz kann es nicht geben. Viele kleine Schritte sind deshalb erforderlich. Dazu gehört die elterliche Pflicht, Kinder bei Vorsorgeuntersuchungen vorzustellen, auch wenn man sich davon nicht zu viel versprechen sollte. Je älter die Kinder werden, desto größer sind die Intervalle. Zudem dürften sich gerade Eltern, um deren Kinder man sich sorgen muss, einen Teufel um die Vorsorgepflicht scheren. Wie soll man ihnen beikommen? Indem man ihnen das Kindergeld streicht? Darunter würden zuerst wieder nur die Kinder leiden.
 

Stuttgarter Nachrichten, 30.11.

 

 

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