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Hungertod von Lea-Sophie entfacht Debatte über vernachlässigte Kinder / „Da hätte man nachhaken müssen“
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich „tief erschüttert“, Politiker und Verbandssprecher bekunden Entsetzen und Fassungslosigkeit. Der Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie aus Schwerin hat eine neue Debatte über den Umgang mit vernachlässigten Kindern entfacht.
Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) äußerte in einem Gespräch mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung Kritik am Vorgehen des Jugendamts in Schwerin. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Jugendamt vorschriftsmäßig gehandelt hat“, sagte die Ministerin. Die Eltern Lea-Sophies seien als auffällig bekannt gewesen. „Da hätte man nachhaken müssen.“
Darüber hinaus beklagt von der Leyen die mangelnde Verzahnung von Gesundheitsvorsorge und Jugendhilfe und setzt sich für verbindliche Vorsorgeuntersuchungen ein. Komme eine Familie der Einladung zu einem Untersuchungstermin nicht nach, müsse sich das Jugendamt einschalten. „Wir müssen alles tun, Familien in kritischen Situationen ausfindig zu machen, und wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren.“ Schwerins Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) wies die Vorwürfe gegen das Jugendamt der Stadt zurück.
Alle Vorschriften zum Umgang mit Hinweisen zur Kindeswohlgefährdung seien eingehalten worden. Gleichzeitig räumte das Jugendamt jedoch ein, Lea-Sophie nie gesehen zu haben. Noch eine Woche vor dem Tod habe man in der Behörde mit den Eltern gesprochen, sei dabei aber über den Zustand des Mädchens belogen worden. „Der Vorfall kann sich überall wiederholen“, sagte Claussen. „Der Mitarbeiter hat in diesem Fall einfach Pech gehabt.“ Angesichts der bundesweit „steigenden Zahl von Kindeswohlgefährdungen“ müssten Eltern zu Vorsorgeuntersuchungen verpflichten werden.
Der Vizepräsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Hubertus Lauer, indessen verweist auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Die Kinderarmut sei in den vergangenen Jahren rasant angestiegen, sagte der Professor für Familien- und Jugendrecht an der Universität Lüneburg dieser Zeitung. 2,6 Millionen Kinder lebten in Armut. „Da kommt eine Welle auf uns zu, für die die Kinder- und Jugendämter noch nicht gewappnet sind.“
Der Wissenschaftler beruft sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach von 2004 bis 2005 die Ausgaben für Inobhutnahmen von Kindern und jugendlichen bundesweit um 6,4 Prozent zugenommen haben. In Teilen der Gesellschaft sei die Kenntnis dessen, was ein Kind braucht, abhandengekommen, sagte Lauer. „Wir brauchen ein Fach Babykunde oder Säuglingsvorsorgen an den allgemeinbildenden Schulen. Zudem sollte bei jeder Geburt eine Hebamme von der Gesundheitsbehörde in die Familie gehen, die Eltern entlasten und sich ein Bild machen.“ Verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen für Kinder seien hingegen kein Allheilmittel, meint Lauer. Dafür sei der Abstand zwischen den Untersuchungen zu groß.
von Michael M. Grüter und Heinrich Thies
Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, 24.11.
s.a. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,519070,00.html
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