FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Diskussion / Jahrgang 2002

 

Gutachten: Sozialhaushalt könnte Millionen sparen
Im Städtevergleich setzt Dresden noch zu sehr auf teure Heimerziehung

von Heiko Weckbrodt
 


Ein Gutachten des "Steinbeis-Transferzentrum Kommunales Management" Heidelberg hat in Dresden erhebliche Sparpotenziale im Sozialhaushalt ausgemacht. So könne die sächsische Landeshauptstadt beispielsweise bis 2005 ihre Kassen um 4,3 Millionen Euro entlasten, wenn sie die teure Heimunterbringung von Problemkindern durch kostengünstigere Lösungen ersetzt, beispielsweise mehr Pflegeeltern gewinne. Weitere Einsparungen seien über ein zielgenaueres und modernes Management anderer Erziehungshilfen möglich.

Auftraggeber der Studie, die Fallbeispiele einer Tiefenprüfung unterzog, war das sächsische Finanzministerium und die untersuchten Städte Dresden, Leipzig, Chemnitz und Plauen. Die Gutachter sollten in erster Linie klären, wie die Kostenexplosion der sogenannten "Hilfen zur Erziehung" zu stoppen ist. Diese Hilfen werden von den Kommunen finanziert. Sie sollen Kinder und Jugendliche unterstützen, die schwer erziehbar sind oder die in komplizierten Familiensituationen aufwachsen. Das Spektrum reicht von amtlich beauftragten Betreuern, die regelmäßig die Familien besuchen, bis hin zur Heimerziehung.

Die Ausgaben für diese Erziehungshilfen haben sich allerdings in Dresden seit 1994 bereits verdoppelt. Damals kosteten diese Erziehungshilfen 29,7 Millionen Mark (15,2 Millionen Euro), im vergangenen Jahr waren es schon über 60 Millionen Mark (30,7 Millionen Euro). Diesen Trend beobachten allerdings auch andere Großstädte.

Während der Untersuchung entdeckten die Gutachter auch in Dresden deutliche Reserven für künftige Kosteneinsparungen. So bemängelten die Experten beispielsweise oberflächliche Fall-Diagnosen durch die Jugendamt-Mitarbeiter, die über die Gewährung von Erziehungshilfen befinden. In Chemnitz dagegen gebe es für die beauftragten Mitarbeiter längst Richtlinien, welche Informationen bereits bei der ersten Fallprüfung zu erheben seien. Auch gebe es in Dresden kaum genaue Spar-Vorgaben, die Jahr für Jahr quantitativ überprüft werden, wie das beispielsweise schon in Leipzig versucht wird.

Dagegen lobten die Gutachter das Modellprojekt Integra, das mit Bundesmitteln Fachkompetenz dezentral in Dresdner Stadtteilen zu bündeln sucht, um Erziehungshilfen gezielter einsetzen zu können. Allerdings ist Integra über das Modellstadium bislang kaum hinausgelangt, erst kürzlich verlängerte die Stadt dieses Projekt.

Die Experten fordern nun, mit Erziehungshilfen beauftragte Vereine unter ständigen Konkurrenzund Finanzierungsdruck zu setzen, um Kostenbewusstsein zu fördern. Auch sollen Mittel umgeschichtet werden: Statt in teuren Erziehungshilfen sei das Geld besser in Jugend-Freizeitangeboten und präventiven Beratungen in den jeweiligen Stadtvierteln aufgehoben. Ein zentrales Ziel müsse sein, so die Gutachter, entstehende Konflikte von Kindern und Jugendlichen bereits dort abzubiegen, wo sie entstehen: In der Gruppe, in der Schule und in der Familie.
Dresdener Neuste Nachrichten - 19-1-2002

 

Kommentar: Anders als Heimererzieher, Heimleiter und Heimträger haben Pflegeeltern keine einflußreiche Lobby. Aber in Sparzeiten erinnert man sich doch an sie. Auch die Anmahnung gründlicher psychosozialer Diagnostik und zielgenauer Jugendhilfeplanung verdient volle Unterstützung. Sorgfältige Diagnostik und zielorientierte Jufgenhilfeplanung würden nämlich dazu führen, daß rechtzeitig erkannt wird, welche Kinder von ihren traumatisierenden Eltern getrennt werden und eine neue Chance in einem Dauerpflegeverhältnis erhalten sollten, statt allzulang mit allerlei ambulanten Maßnahmen herumzuprobieren und sie schließlich in teuren Heimen, jugendpsychiatrischen Kliniken oder gar Jugendstrafanstalten unterzubringen. Parallel bedürfen allerdings die vielen Familienrichter eindringlicher Aufklärung, die immer wieder gegen die Verfassung das Elternrecht auf Kosten des Kindeswohls favorisieren.
Gudrun Eberhard


s.a. Das Kindeswohl auf dem Altar des Elternrechts - Erfahrungen mit dem staatlichen Schutz für vernachlässigte und mißhandelte Kinder.

 

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