FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
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Diskussion / Jahrgang 2001

 

Geschlossene Heime: Lübecks Oberstaatsanwalt erntet viel Lob

Von Sebastian Prey und Julia Paulat, LN

 

Lübeck (LN) - Der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Wille hat eine alte Debatte neu entfacht: Für seinen Ruf nach geschlossenen Heimen für jugendliche Intensivtäter erhielt er gestern viel Zustimmung.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) stellt sich voll und ganz hinter die Pläne des Lübecker Chef-Ermittlers. Detlef Hardt, GdP-Kreisvorsitzender: "Es muss ganz einfach die Möglichkeit geben, gefährliche Straftäter so unterzubringen, dass sie nicht weitermachen können Das geht halt nur in geschlossenen Heimen." Auch der Weiße Ring, gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern, plädiert für die Wiedereinführung der geschlossenen Unterbringung in Schleswig-Holstein. Opferschutz müsse klar vor Täterschutz gehen, erklärte Sprecherin Rhena Hieke.

Dabei wollen weder Polizeigewerkschafter noch Weißer Ring den vom Lübecker Jugendamt befürchteten Rückschritt in alte Zeiten. Und auch Wille denkt nicht an das traditionelle "Wegschließen" wie in früheren Zeiten. 1995 seien die geschlossenen Jugendheime in Schleswig-Holstein mit dem Schlagwort "Menschen statt Mauern" abgeschafft worden. Zahlreiche Projekte und Initiativen seien seitdem gestartet worden, um den jugendlichen Intensivtätern neue Perspektiven aufzuzeigen. "Doch für eine kleine Gruppe besonders schwieriger und gefährdeter Kinder und Jugendlicher sind geschlossene Einrichtungen erforderlich", erklärte Wille. Diese Forderung stellen zu müssen, mache ihn selbst nicht glücklich, aber es sei wohl die einzige Möglichkeit an die schwierigen Kinder und Jugendlichen heranzukommen, um mit ihnen pädagogisch arbeiten zu können, so der Oberstaatsanwalt. Aus diesem Grund stehe er in bestimmten Fällen für den Ansatz "Mauern und Menschen", sagte Wille, dessen spektakulärer Vorstoß gestern landesweit für Aufregung sorgte. So griff auch das NDR-Fernsehen die LN-Berichterstattung auf - im "Schleswig-Holstein-Magazin" rechtfertigte der Oberstaatsanwalt am Abend seine Idee. Dabei gehe es auch darum, jungen Leuten die Untersuchungshaft, die ihnen schaden könne, zu ersparen. Zwischen U-Haft und den heutigen offenen Einrichtungen in Schleswig-Holstein gebe es eben eine Lücke - und die müsse zum Wohle der betroffenen Jugendlichen geschlossen werden.

Lübecks Suchthilfekoordinator Gisbert Stein sieht Willes Forderung indes sehr kritisch. Schließlich seien alle Zwangsmaßnahmen nicht effektiv, meint der städtische Suchtbeauftragte. Stein: "Eine schwedische Untersuchung hat gezeigt, dass diese Maßnahmen nur so lange helfen, bis die Grenzen wieder weg sind." Stein bezeichnete die Forderung Willes als einen "Verzweiflungsakt".

Überraschende Rückendeckung bekommt der Chef der Staatsanwaltschaft allerdings vom Bereich Jugendhilfe der Vorwerker Diakonie. Der Sozialpädagoge Hartmut Friedrich sagte: "Als Sozialpädagoge darf man eigentlich nicht für geschlossene Einrichtungen sein, das ist Ethos. Schließlich kommt es einem pädagogischen Offenbarungseid gleich. Dennoch ist es in der Tat für eine ganz kleine Gruppe von jungen Tätern sinnvoll, wenn alle anderen Maßnahmen vorher fehlgeschlagen sind." Doch bedenkenlos will auch Sozialpädagoge Friedrich nicht auf Willes Kurs einschwenken. Seine Befürchtung: Dass aus einem kleinen Kreis von Tätern später eine große Gruppe werden könnte, die in geschlossene Heime abgeschoben und über einen Kamm geschoren werde. Friedrich: "Die Unterbringung darf zudem immer nur eine vorübergehende Lösung sein."

Der Lübecker Jugendhilfe, die nach Angaben der stellvertretenden Bereichsleiterin Beatrix Schnicke von dem Wille-Vorstoß gar nichts hält, wirft Friedrich auch Versäumnisse vor. "Es werden nicht alle pädagogischen Angebote restlos ausgeschöpft." So biete die Vorwerker Diakonie ein deutsch-rumänisches Projekt für Intensivtäter an. Anfragen kämen von Jugendämtern aus dem gesamten Bundesgebiet - nur aus Lübeck nicht. Die bisherige Begründung der Jugendhilfe: Man wolle die eigenen Probleme nicht ins Ausland abschieben. Für Friedrich unverständlich, denn bei ihrem Aufenthalt in Rumänien seien die jungen Leute gezwungen, auf einem Hof zu arbeiten. "Sie lernen dort, dass man für seine Existenz arbeiten muss", so Friedrich.

Das Kieler Justizministerium zeigt sich von den Argumenten der Befürworter geschlossener Heime derweil weiterhin unbeeindruckt. Das Land verfüge über "ein gutes, effektives und sinnvolles Programm zur Auseinandersetzung mit der Delinquenz von Kindern und Jugendlichen", so ein Sprecher. Es sei zwar unbestreitbar, dass es in Einzelfällen auch die Notwendigkeit der Intensivbetreuung gebe, aber das seien "im ganzen Land höchstens zehn bis 20 Fälle".
Lübecker Nachrichten – 30-11-2001

 

Kommentar: "Im ganzen Land höchstens 10 bis 20 Fälle"?? Dann sind die anderen wohl ausgewandert - z.B. nach Berlin. Dort schätzt das Landesjugendamt die Zahl der Straßenkinder auf 3000 bis 5000 mit steigender Tendenz. Davon sind etwa ein Drittel "für die Angebote der Jugendhilfe nicht mehr erreichbar". Diese Kinder und Jugendlichen brauchen 'Menschen UND Mauern'. Sonst laufen sie in ihr Verderben. Das ist kein Plädoyer für die Restauration der kasernierten Heimpädagogik, sondern für offene psychotherapeutische Einrichtungen, die zusätzlich über eine (kleine!) geschlossene Abteilung verfügen. Die Unterbringung in der geschlossenen Abteilung darf nie als Strafmaßnahme oder Schutz der Gesellschaft, sondern muß in jedem Einzelfall therapeutisch begründet und durchgeführt werden, bedarf der gerichtlichen Kontrolle, jugendpsychiatrischer Leitung und psychologischer Supervision. Wir sollten uns nicht länger irritieren lassen von den ideologischen Grabenkämpfen zwischen reaktionären law-and-order-Politikern einerseits und entrüsteten Nachfahren der Anti-Heim-Kampagne andererseits!
Kurt Eberhard


s.a. Kinderelend auf der Straße ; Hauptschule und Jugendamt kapitulieren

weitere Beiträge zum Thema Geschlossene Unterbringung - pro/contra

 

 

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