|
Mediziner informieren in den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken über Kindesmisshandlung
WIESBADEN: Erschütternde Zahlen und Beispiele über die körperliche Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen schilderten Mediziner den Teilnehmer einer Fortbildungsveranstaltung im Dr.-Peter-Jäger-Bildungszentrum.
"Der Fall des zweijährigen Kevin aus Bremen, der im Kühlschrank seines Vaters gefunden wurde, ist wie andere spektakuläre Fälle der Vergangenheit nur die Spitze des Eisbergs, keine Ausnahme." Das stellte Professor Michael Albani, Direktor der HSK-Klinik für Kinder und Jugendliche, zu Beginn des Fortbildungsabends über "physische Kindesmisshandlung" klar. Albani und Professor Gert Jacobi, ehemaliger Direktor der Neuropädiatrie im Frankfurter Uniklinikum, lieferten den rund 30 Zuhörern im Dr.-Peter-Jäger-Bildungszentrum, darunter Erzieherinnen und Kinderkrankenschwestern, erschütternde Zahlen und Beispiele: Jacobi sprach unter Hinweis auf eine große Dunkelziffer von rund 150 000 misshandelten Kindern in der Bundesrepublik, von denen viele nie einem Arzt vorgestellt würden.
Pro Woche ein Fall - Um die Öffentlichkeit zum Schutze gefährdeter Jungen und Mädchen für diesbezügliche Traumata zu sensibilisieren, forderte Albani eine sorgfältige Abklärung jedes unklaren Ausnahmezustands bei Kindern unter zwei Jahren. Außerdem nannte der erfahrene Mediziner, der pro Woche etwa einen entsprechenden Fall in seiner Klinik zu behandeln hat, bestimmte Anhaltspunkte: "Nahezu jede Fraktur im ersten Lebensjahr ist die Folge einer Kindesmisshandlung. Bei einem Sturz vom Sofa oder Wickeltisch passiert den Jüngsten in 99 Prozent der Fälle nichts."
Ebenso seien Blutergüsse in dieser Altersgruppe zu 98 Prozent nicht auf Unfälle, sondern auf Gewaltanwendung zurückzuführen. Erst nach Beginn des Krabbelns oder Laufens könnten die Verletzungen naturgemäß andere Ursachen haben. Auch bei Spiralbrüchen bat Albani um erhöhte Aufmerksamkeit. Um den verheerenden Folgen eines schweren Schütteltraumas auf die Spur zu kommen, empfahl der Pädiater unter anderem die Untersuchung des Augenhintergrunds: Außerdem solle selbst bei neurologisch unauffälligen Patienten schon beim geringsten Verdacht der Schädel geröngt sowie eine Magnetresonanztomographie angefertigt werden.
Die vorgeführten Fallbeispiele demonstrierten das Ausmaß der geistigen und motorischen Entwicklungsstörungen, die durch heftiges Schütteln bei Babys und Kleinkindern ausgelöst werden. Viele Opfer verlieren infolge akuter Blutungen unter der harten Hirnhaut zunächst das Bewusstsein und haben schwere epileptische Anfälle. Erst dann bringen die Eltern aus Angst vor möglichen Nachforschungen in den eigenen vier Wänden das misshandelte Kind ins Krankenhaus, das oft massiv hirngeschädigt sowie sehbehindert oder gar blind bleibt.
Die Fälle, die Jacobi mit Bildern dokumentierte, waren für den Betrachter nur schwer zu ertragen: Sie zeugten von Kindern, die Verletzungen am Unterleib durch stundenlanges Anschnallen auf dem Topf davon getragen haben, von Brandwunden durch Zigaretten auf dem Geschlechtsteil eines kleinen Jungen, ausgekugelten Hüften durch das Herumschleudern der Gepeinigten an den Füßen bis hin zu deformierten Händen durch extra gebastelte Bretter, mit der ein Junge nachts "ruhig gestellt" wurde. Ein ebenso erschütterndes Thema war das "erweiterte Münchhausen-Syndrom": Das bedeutet, dass seelisch Kranke an ihren eigentlich gesunden Kindern manipulieren, um bei diesen medizinische Eingriffe zu erzwingen.
Wie die Ausführungen der beiden Experten bewiesen, kennen Phantasie und Grausamkeit einiger Eltern - aller Schichten - keine Grenzen, ist das Leiden zahlreicher Babys, Kinder, aber auch Jugendlicher unvorstellbar. Um den Misshandlungen vorzubeugen oder frühzeitig auf die Spur zu kommen, sind laut Jacobi die sozialen Behörden, insbesondere die Jugendämter gefordert: "Sie müssen persönlich zu Hause nachschauen, wie das Kind lebt und wie sein Körper aussieht. Das muss sein und ist wichtiger als der Schutz der Privatsphäre der Familie."
Interesse gering - Dabei gelte es besonders, auf begleitende Zeichen wie Vernachlässigung oder schlechte Ernährung zu achten, auf mögliche Konflikte der Eltern oder deren mentale Probleme. Im übrigen wunderte sich Jacobi über Richter, die Verletzungen von Kindern trotz Aussage des Gutachters als Unfallursache anerkennen und die Opfer damit weiterhin den heimischen Misshandlungen aussetzen würden. Kein Wunder, dass Professor Albani angesichts des relativ geringen Interesses an dieser Veranstaltung zornig feststellte: "Hätte ich heute über irgendeinen Schlager referiert, wär´s voll, aber das hier ist eben nach wie vor ein Tabuthema."
Main-Rheiner, 17.11
|