FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Diskussion / Jahrgang 2001

 

Da könnte ja jeder kommen...

Wie man freie Träger
an der Arbeit der Pflegekinderdienste beteiligen könnte

von Eberhard Thilo Geisler, Landesjugendamt Berlin/Brandenburg
(Nov. 2001)

 

“Warum bezahlt man eigentlich 6000 DM im Monat für ein Heimkind? Warum gibt man das Geld nicht einfach seinen Eltern, damit es bei ihnen bleiben kann?“ fragt mein Kollege Stefan. Verblüfft blicke ich auf und frage in bester Pädagogenmanier zurück:

„Wie kommst du denn darauf?“

„Das mit den Eltern wäre doch logischer - oder?“ spinnt mein ostsozialisierter Überhangskollege seinen Faden unverdrossen weiter. Sinnend schaue ich aus dem Fenster - gegen eine grau verputzte Betonwand.

„Okay“, lasse ich mich auf das Gedankenspiel ein, „du meinst also, dass man alkoholkranken Eltern, die ihr Kind ständig misshandeln, nur monatlich 6000 DM zu geben braucht, und sofort hören sie auf zu saufen und behandeln ihr Kind liebevoller?“

„Quatsch“, sagt mein Kollege. „Aber wenn sie das Geld - sagen wir mal: wöchentlich - nur dann ausgezahlt bekommen, wenn sie das Trinken einstellen und ihr Kind nicht mehr schlagen?“

„Klingt unter rein ökonomischen Gesichtspunkten nicht schlecht. Allerdings handelt es sich um Menschen mit ihren Schwächen und Stärken. Alkoholiker... Du weißt doch selbst, wie schlecht du nach 'ner Flasche Pinot Grigio drauf bist“, gebe ich zu bedenken. „Und außerdem - was passiert denn mit der Supermarktkassiererin, die vielleicht zufällig neben unserer Familie wohnt?“

“Na ja“, denkt mein Kollege laut weiter, „vielleicht fängt die auch an zu saufen und verhaut ihr Kind hin und wieder, damit sie an die 6000 DM kommt und nicht mehr Schicht arbeiten muss.“

„Siehst du“, stelle ich triumphierend fest, „vielleicht saufen dann bald alle und schlagen ihre Kinder. Fragt sich bloß, wer noch arbeitet und Steuern zahlt?“

„Tja“, sagt mein Kollege, „das sind die klassischen Widersprüche des kapitalistischen Systems – aber warte mal, was passiert, wenn man der Kassiererin das Kind gibt und ihr dafür das gleiche Gehalt wie für ihren Job bezahlt?“

„Mh, auf die Idee ist noch gar keiner gekommen; aber faszinierender Gedanke: Die Kassiererin kostet weniger als der Heimplatz, sie macht einen Arbeitsplatz frei… aber sie entspricht nicht den fachlichen Standards, der heute an Pflegeeltern gestellt werden.“ „Was heißt´n das?“ Werde ich gefragt. „Na ja die Kassiererin kann sich nicht so artikulieren wie Sozialarbeiter, sie gehört einfach der sozial schwächeren Schicht an, der nicht so gern Pflegekinder gegeben werden. Ausnahmen dürften die Regel bestätigen.“

„Quatsch,“ werde ich angemacht, „die stammt doch aus der gleichen Schicht wie das Pflegekind, das braucht sich dann auf keinen neuen elaborierten Code, wie ihr das hier nennt, einzustellen und braucht kaum eine Eingewöhnungszeit. Die Pflegemutter erwartet nicht, dass ihr Pflegekind das Abi macht oder gar studiert,“

„sondern auch Kassiererin wird?“ Werfe ich ein.

„Genau, das Pflegekind wird ganz einfach und stressfrei zum braven Steuerzahler und belastet das Gemeinwesen nicht unnötig,“ kommt triumphierend die Antwort.

Plötzlich fühle ich mich wieder in die Realität meiner Studienzeit der späten 60iger Jahre zurückversetzt und muss feststellen, dass wir das in unserer WG damals auch nicht so ganz ausdiskutiert hatten.

Einige Tage später. Mein interessierter Kollege hatte sich auf der Jagd nach einer festen Stelle durch nervendes Fragen in den Nebenzimmern weiter qualifiziert. Jetzt tauchte er bei mir auf und kam gleich auf den Punkt: „Stimmt es, dass ein Kind in einer Pflegestelle so cirka 1500 DM im Monat kostet?“ Ich nickte gottergeben, wohl ahnend, dass ich wieder einen längeren Diskurs vor mir hatte. „Warum wird dann in Pflegestellen nicht viel mehr investiert, wenn ein Platz dort 4500 DM billiger ist? Ich habe ausgerechnet, dass man die Kosten für eine Sozialarbeiterstelle wieder raus hat, wenn man 2,4 Kinder in eine Pflegestelle statt ins Heim vermittelt“, sagte er und sah mich beifallheischend an.

„Oh nein!“ stöhnte ich. „Diese Milchmädchenrechnung habe ich bereits vor 25 Jahren aufgemacht. Aber sie hat keinen interessiert.“

„Warum denn nicht?“ insistiert mein Kollege.

In der Tonlage von „Wie erkläre ich es meinem Kinde“ hebe ich an zu dozieren:

„Erstens: Wie alle großen, unbeweglichen Wirtschaftsbetriebe arbeitet auch die Verwaltung nicht nach Effizienzgesichtspunkten, sondern vorrangig nach Machtinteressen. In einer Verwaltung sitzen die mächtigsten und am besten bezahlten Mitarbeiter nicht dort, wo das größte Einsparpotenzial liegt, sondern dort, wo der größte Ressourcenzugriff und -verbrauch zu finden ist.

Zweitens: Hinzu kommt - und das scheint mir sogar der wesentlichere Grund dafür zu sein, dass dieses Sparpotential, vor allem aber die Kompetenzen und Fähigkeiten von Pflegeeltern so ungenügend genutzt wurden - die über Jahrzehnte entwickelte hervorragende Lobbyarbeit der Heimträger, der großen Wohlfahrtskonzerne. Die sitzen doch in den Jugendhilfeausschüssen und damit gleich neben den politischen Entscheidungsträgern, sozusagen dem Gesetzgeber auf dem Schoß.

Drittens: Die allein im öffentlichen Bereich eingesetzten Pflegekinderdienste kriegen vergleichbare Lobbyarbeit nie hin, weil es den in den Jugendbehörden arbeitenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nicht gestattet ist, Öffentlichkeitsarbeit ohne Einbindung ihrer Vorgesetzten zu leisten, geschweige denn auf ihren schlechten Personalstand aufmerksam zu machen. Heute arbeitet ein Pflegekinderdienst schon erfolgreich, wenn es ihm gelingt, den Pflegeeltern menschlich nachvollziehbar zu vermitteln, dass er keine Zeit hat, sich intensiv um sie und die Kinder zu kümmern, sondern nur noch – möglichst effizient, versteht sich - Krisenmanagement betreibt. ´Normale´ Pflegeeltern lassen danach ihren Pflegekinderdienst zufrieden.

Viertens: Von den Pflegeeltern kann nicht erwartet werden, dass sie sich für mehr Pflegestellen und bessere Qualität ihrer Arbeit einsetzen, weil sie mit ihren problematischen Pflegekindern vom Amt allein gelassen sind und mit ihnen genug zu tun, also kaum Zeit für Lobbyarbeit haben. Darüber hinaus werden sie in der Regel von ihrem Umfeld, also Freunden und Verwandten, belächelt, denn sie kümmern sich für Peanuts um ein schwieriges Kind.

Die an der Sozialhilfe orientierte schlechte Bezahlung, eher eine Art Aufwandsentschädigung, trägt natürlich auch nicht zur Steigerung des Selbstwertgefühls bei. So ist das in einer Gesellschaft, in der sich Engagement bezahlt machen muss und in der eh-renamtliche Arbeit in der Regel mitleidig belächelt wird. Selbstwertgefühl entwickelt sich durch Anerkennung. Geld, Entlohnung ist auch eine Anerkennung. Pflegeeltern erhalten aber nur einen Anerkennungsbetrag

„Und wie kann man das jetzt verbessern oder ändern?“ fragt mit schleppender Stimme mein allmählich ermüdender Kollege.

„Eigentlich ganz einfach“, kommt meine Antwort, halb triumphierend, halb gelassen. „Die Arbeit der Pflegekinderdienste muss, genau wie die Arbeit in den Kinderheimen, zu einem Teil von freien Trägern, auch von den Wohlfahrtskonzernen übernommen werden. Es müssten die gleichen Kosten und Standards wie für die Heimpflege und ambulanten Hilfen gelten. Wäre das nämlich bei den Pflegekinderdiensten in freier Trägerschaft – die es ja kaum gibt – der Fall, dann wäre es auch möglich, diese Standards im öffentlichen Bereich einzuführen. Falls sich die Jugendämter nicht inzwischen nur noch als Maßnahmenverteilungs- und -kontrollinstitutionen verstehen.“

„Ja, das wäre wirklich eine Lösung“, findet mein Kollege und ist sofort wieder wach. „Aber warum machen die Träger das nicht? Das wäre doch eine Möglichkeit, weitere Arbeitsfelder der öffentlichen Hand zu vereinnahmen! Und sich entsprechend bezahlen zu lassen, versteht sich.“

„Es müsste nur jemand damit anfangen, eine Schneise durch die etablierten Felder der Jugendhilfe zu schlagen, und dabei das Risiko nicht scheuen, seine Heimplätze zu reduzieren“ sinniere ich.

„Das macht doch keiner!“

„Wieso? Vielleicht gibt es irgendwo einen Träger, der nicht nur in der Dimension von Heimunterbringung denkt“, mutmaße ich hoffnungsvoll. „Wie würde so ein Träger – unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten, versteht sich - neue Pflegestellen werben und anbieten können? Was meinst du?“

„Keine Ahnung. Schwieriges Ding“, seufzt mein Kollege, „zumal es kaum noch Zuwendungsmittel oder Geld für Modellprojekte gibt.“

Ich gebe nicht auf: „Man müsste daraus eine individuelle Hilfeform mit dem entsprechenden Rechtsanspruch definieren. Wie wäre es, wenn man dem Träger beispielsweise für Werbung, Prüfung und Vermittlung nach erfolgter Unterbringung - vielleicht nach dem ersten Monat - einen Pauschalbetrag bezahlte? Außerdem könnte man einen monatlichen Pauschalbetrag pro Pflegekind für Betreuung, Beratung und Unterstützung vereinbaren. Vielleicht kümmert der Träger sich dann auch um die Herkunftsfamilien, prüft Rückkehroptionen und vertritt die Interessen der Pflegeeltern gegenüber dem Amt. Vielleicht entwickelt sich dann sogar eine Form von Lobbyismus für Pflegeeltern. So einem Träger müssten Pflegeelternbewerber eigentlich die Türen einrennen“, argumentiere ich und bin von meiner Rede selber ganz beeindruckt.

„Ja, und warum gibt's so einen Träger nicht?“ will mein Kollege wissen und bremst meinen Höhenflug.

„Die Antwort ist ganz simpel: Weil kein Jugendamt sich seine eingefahrenen Strukturen durcheinander bringen lassen will und weil bisher kein Träger auf die Idee gekommen ist, ein kostendeckendes Konzept zu entwerfen, das er seinem Jugendamt anbieten oder verkaufen kann“, sage ich resigniert auf dem Weg zur Kaffeemaschine.

Aber mein Kollege hat Morgenluft geschnuppert: „Das wäre doch die Lösung: Ein Pflegekinderträger bietet dem Jugendamt eine Pflegestelle an. Selbstverständlich zu einem Preis, der weit unter dem eines Heimplatzes liegt, weil ja die Pflegeeltern so wenig Geld bekommen. Das Jugendamt kann dann – unter Berücksichtigung von Kosten- und Qualitätskriterien, versteht sich - entscheiden, welches Angebot von welchem Träger es annimmt. Ist doch ganz einfach! Erklär mir einer, warum es das noch nicht gibt...“

„Es soll schon einige Jugendämter geben“, erinnere ich mich, „die die Arbeit der Pflegekinderdienste an freie Träger abgegeben haben. Aber nur zu den gleichen miesen Standards wie im Amt. Der Glücksfall wäre, dass es bei einem Jugendamt und einem Träger Menschen gibt, die genau so denken und solch ein Projekt entwickeln“, antworte ich, mit wenig Hoffnung in der Stimme.

„Man müsste also nur einen Träger finden, mit ihm ein Konzept - mit entsprechender Kostenkalkulation, versteht sich - entwerfen und es allen Jugendämtern anbieten, in denen man interessierten Menschen vermutet.“ Sprach´s, verschwand aus dem Raum und saß die nächsten drei Tage nur noch am Computer oder Telefon.

So langsam bin ich wirklich gespannt, was mein Überhangskollege da wieder anstellt. Ich fürchte, er macht mir unnötige zusätzliche Arbeit, weil er andere auf dumme Gedanken bringt. Und ich muss das dann wieder ausbaden.

veröffentlicht in klein & groß, Oktober 2001

 

 

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