FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Diskussion / Jahrgang 2001

 

Rechtsmediziner Püschel fordert zu mehr allgemeiner Aufmerksamkeit gegenüber Kindesmisshandlungen auf

Von Friedhelm Schachtschneider

 

Vorbemerkung: Mehrfach wurde uns von Pflegeeltern berichtet und von Jugendamtsmitarbeitern bestätigt, dass Ärzte die medizinische Begutachtung und Attestierung von offensichtlichen Verletzungen nach Kindesmisshandlung verweigerten, selbst dann, wenn die Kinder bereits vom Jugendamt in Obhut genommen worden waren. Insofern sind die Ausführungen des Rechtsmediziners Püschel nicht verwunderlich.
C.M. (Okt. 2001)


Daniel wurde nur wenige Wochen alt. Seine Eltern beklagten in einer Traueranzeige den plötzlichen Verlust ihres "kleinen Sonnenscheins". Ärzte fanden allerdings heraus, dass der Junge an keiner natürlichen Todesursache starb. Rippenbrüche, Blut im Auge und innere Verletzungen zeigten: Daniel wurde von den Eltern zu Tode geprügelt. "In keinem Bereich wird so viel gelogen wie bei Kindesmisshandlung", beklagt Professor Klaus Püschel, Leiter des Instituts für Rechtmedizin am Universitätskrankenhaus Eppendorf: Geschlagene Kinder sind angeblich vom Klettergerüst gefallen, zu Tode geschüttelte Säuglinge wurden plötzlich leblos in ihrem Bettchen gefunden. Nach Behördenangaben sterben Jahr für Jahr bundesweit rund 150 Kinder nach Misshandlungen. 1500 Jungen und Mädchen werden bei einer Misshandlung im engeren Sinne verletzt, die Kriminalstatistik zählt zudem bis zu 15.000 kleine Opfer von allgemeiner Gewalt. Oft entlarven Rechtsmediziner wie Püschel bei Untersuchungen die Lügen der Schläger mit Faust, Stock und Gürtel.

Als Initiator des "Hamburger Modells" der Information und Vermittlung von Kontakten gibt der Rechtsmediziner seine Erfahrungen auch an Kollegen weiter. Ein seit fünf Jahren in der Hansestadt vorliegender Ordner "Gewalt gegen Kinder" für Kinderarztpraxen - inzwischen von anderen Städten übernommen - informiert nicht nur darüber, wie Misshandlungen festgestellt werden können. Ein Serviceteil listet zudem Ansprechpartner auf von Behörden und Familiengericht bis zu Fachärzten mit speziellen Kenntnissen und Hilfsorganisationen. Viele Ärzte scheuen sich laut Püschel bei einem Verdacht, andere Stellen zu informieren und berufen sich auf ihre Schweigepflicht. "Es geht um das Leben des Kindes", betont der Rechtsmediziner und fordert in solchen Fällen eine Rechtsgüterabwägung: "Es hat noch niemals die Verurteilung eines Arztes wegen Durchbrechen der Schweigepflicht bei Kindesmisshandlung gegeben." Die Ärztin Dragana Seifert von der "Hamburger Initiative gegen Aggressivität und Gewalt" beklagt ein öffentliches Desinteresse: "Die Gesellschaft guckt weg." Die Initiative will mit Untersuchungen möglichst bald nach den Taten Verletzungen dokumentieren und den Opfern so mehr Rechtssicherheit geben. Seifert fordert "mehr Mut in Kindergärten und Schulen", Verdachtsfälle zu melden. In den vergangenen drei Jahren sei aber aus keiner Schule bei ihrem im Institut für Rechtsmedizin arbeitenden Verein angerufen worden: "Die Lehrer haben Angst, Rechtsmedizin bedeute gleich Polizei." Werden sie und ihre Kollegen informiert, versucht man, die Familie intakt zu halten. Oft helfen Pfarrer als Gesprächspartner weiter. Erst danach bemüht sich die Initiative um Erziehungshilfen durch das Jugendamt. Auch das Familiengericht kann ohne eine strafrechtliche Verfolgung helfen. So kann ein Richter schlagende Eltern zu einer "klaren Aussprache" einladen. Nur bei akuter Gefahr für das Kind wird sofort die Polizei gerufen.

"Man muss Kindesmisshandlung als chronische Krankheit behandeln wie Bluthochdruck", meint Püschel und warnt vor einer Verniedlichung nach dem Motto: Ein kleiner Klaps hat noch niemandem geschadet. Püschel: "Die misshandelten Kinder von heute sind oft die Misshandler von morgen."
(Welt am Sonntag - 15.10.2001)

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